Donnerstag, 30. März 2017

[Rezension] Han Kang - The Vegetarian / Die Vegetarierin



Vor ein paar Wochen ging ich durch die Bücherei und entdeckte „Die Vegetarierin“ auf Englisch. Dieser Roman stand auf meiner Wunschliste und ein englisches Buch wollte ich ohnehin mal wieder lesen, also nahm ich die englische Übersetzung des Bestseller-Romans kurzerhand mit und begann zu lesen.

Inhalt
Die laut ihrem Ehemann völlig unscheinbare und durchschnittliche junge Frau Yeong-Hye beschließt plötzlich, kein Fleisch mehr zu essen und verbannt alle tierischen Lebensmittel aus dem ehelichen Haushalt. Dabei stößt sie auf völliges Unverständnis. Zuerst bei ihrem Mann, dann bei ihrem Umfeld und vor allem bei ihrer Familie. Ihr Mann holt Yeong-Hyes Familie dazu, um ihm dabei zu helfen, seine Frau wieder zur Vernunft zu bringen. Dies endet jedoch in einer Katastrophe und im Laufe des Romans erfahren wir aus der Perspektive von zwei weiteren Familienmitgliedern, wie sich Yeong-Hye verändert.

Meinung
Die Handlung des Romans kam anders als gedacht und lieferte einiges, was sehr unerwartet kam. Bevor ich das Buch las, dachte ich, „Die Vegetarierin“ ist ein emanzipatorischer Roman. Ich erwartete, dass es in diesem Roman darum geht, dass eine Frau sich, aufgrund gesellschaftlichen Drucks, in eine nicht wirklich berauschende Ehe begeben hat und dort ein unbefriedigendes Leben als Hausfrau führt und deshalb mit dem Fleischverzicht versucht, zu rebellieren.
Vielleicht ist dem ja auch so. Vielleicht macht es einen Teil des Romans aus, denn es werden schon die gesellschaftlichen Umstände Koreas angeprangert, eine Gesellschaft, die einerseits modern, andererseits ziemlich konservativ zu sein scheint. Vegetarismus wird, zumindest im Roman, als aufmüpfiges Verhalten betrachtet, sofern man kein buddhistischer Mönch ist. Yeong-Hye verweigert ihrem Mann auch das Kochen von Gerichten mit Fleisch, weshalb sie sich meiner Meinung nach auch von der hausfräulichen Rolle entfernt, ihren Pflichten nicht mehr nach kommt. In einer solchen Gesellschaft, in der nicht nur der Mann, sondern auch die Familie und das Umfeld Sanktionen verhängt, wenn man seine Rolle nicht mehr erfüllt, hat man nicht viele Mittel, um aufzubegehren. Das Verbannen tierischer Produkte aus ihrer Küche, ihrem Reich als Hausfrau ist aber eines.

Yeong-Hye hat außerdem eine Abneigung gegen BHs und trägt deshalb nie einen, was ihrem Mann überhaupt nicht gefällt. Sie sagt, sie könne darin nicht richtig atmen und fühle sich unwohl. Ihm hingegen ist es unangenehm, wenn er mit ihr in der Öffentlichkeit auftritt, da man ihre Brustwarzen durch die Bluse sehen kann.
Auch dies ist ein Symbol von Freiheit und Rebellion, denke man bloß an die BH-Verbrennungen der 60er-Jahre.

Jedoch ist der Roman „Die Vegetarierin“ nicht nur emanzipatorisch angelegt. Es handelt sich hierbei auch um die Geschichte einer Frau, deren mentaler Zustand sich verschlechtert und keiner um sie herum weiß, wieso. Als Leser kann man mutmaßen, dass es vielleicht daran liegt, dass Yeong-Hye in  vielen Gefängnissen sitzt, aus denen sie kaum ausbrechen kann oder aus denen der Ausbruch nicht ohne Schmerzen erfolgt: In dem ehelichen, in dem patriarchischem, in dem sexistischen, in dem familiären, in dem gesellschaftlichen, was bestimmt, was psychische Gesundheit ist und was nicht.

Die englische Übersetzung war relativ leicht zu lesen. Vor allem der erste Teil der Geschichte, erzählt aus der Sicht von Yeong-Hyes Ehemann, war ziemlich minimalistisch und nüchtern. Von Abschnitt zu Abschnitt wurde die Geschichte immer ausgeschmückter, der Schreibstil immer poetischer, was auch zu den einzelnen Personen passt, aus deren Sichtweise die Teile erzählt werden. Die drei Teile sind durch die Personenkonstellation miteinander verwoben und chronologisch aber keineswegs verwirrend. Jede der drei Personen erzählt zwar Yeong-Hyes Geschichte, aber auch die eigene. Jede der drei erzählenden Personen hat ihren eigenen "Struggle" im Leben und der momentanen Situation, mit Einsamkeit und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. 


Han Kang hat ein interessantes, bedrückendes -und wie viele sagen- kafkaeskes Werk geschaffen, das Lust auf mehr von dieser Autorin macht. Die Melancholie im Roman und die Art und Weise wie Sexualität dargestellt wird, erinnerte mich oftmals an japanische Literatur. Inwieweit da ein kultureller Zusammenhang zwischen japanischer und koreanischer Literatur (und Mentalität) besteht, kann ich aber leider nicht beurteilen.

Ich bin mir aber sicher, dass das Buch nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter ist und für Menschen, die heitere oder leichte Unterhaltung suchen.


4 von 5 Sternen


Mittwoch, 29. März 2017

[Neuzugang] Julia Zange - Realitätsgewitter (Rezensionsexemplar)


Vor einigen Wochen entdeckte ich diesen Roman auf einem anderen Blog und bekam richtig Lust ihn zu lesen. Ich bat den aufbau-Verlag um ein Rezensionsexemplar und hätte fast nicht mehr damit gerechnet, weshalb ich dieses Buch dann aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Glücklicherweise hatte ich es noch nicht begonnen. Das Bücherei-Exemplar habe ich heute wieder zurück gegeben, sodass ich nun mein eigenes habe, das ich in Ruhe lesen und rezensieren kann. Ich freue mich so. :) 
Herzlichen Dank, lieber aufbau-Verlag!

Montag, 27. März 2017

[Rezension] Bov Bjerg - Auerhaus


Dass "Auerhaus" ein Bestseller war, ist an mir vorbei gegangen. Ich bin eher zufällig bei Amazon auf das Buch gestoßen, als ich mich durch die Romane von Wolfgang Herrndorf und ähnliche andere Romane wühlte. Ich dachte, dass ich hiermit einen ganz besonderen Roman in der Hand hätte. Kritiker sagen, wenn man diesen Roman lese, möchte man wieder 17, 18 sein. Mir erging es dabei nicht so.

Inhalt
Baden-Württemberg in den 80er-Jahren: Frieder, der beste Freund des Ich-Erzählers Höppner versucht, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen und landet in einer psychiatrischen Klinik. Nach einiger Zeit wird er entlassen und ihm wird geraten, nicht mehr zurück zu den Eltern zu ziehen. Er und Höppner ziehen also in das leerstehende Haus seines Großvaters und nehmen ihre Freunde mit. Sie gründen eine Schüler-WG und nennen ihr neues zu Hause "Auerhaus", ein Verhörer, der durch das Lied "Our House" von Madness entstand. 
Während ihrer Zeit in diesem Haus erfahren wir einiges über das Landleben in den 80er Jahren, wie sich die Protagonisten durch das letzte Jahr des Abiturs schlagen, was es heißt, erwachsen zu werden und ein bisschen auch etwas über Freundschaft.

Meinung
Ich finde es sehr schwierig, das Buch mit einer Meinung zu versehen. Ich kann schlecht einschätzen, wie man an das Buch herangehen soll. Ist es ein Jugendbuch? Wenn ja, dann bin ich mit meinen fast 30 Jahren nicht mehr die Zielgruppe dieses Romans und darf nicht so viel erwarten wie von Literatur für Erwachsene.
Ist es ein gewöhnlicher Belletrisik-Roman für alle, so fällt er, inhaltlich und zwischen den Zeilen, ziemlich mau aus.

Die Grundidee des Romans ist natürlich super und das, was man zwischen den Zeilen lesen kann, die Gedanken der Protagonisten über das Leben und Erwachsenwerden, hat unglaublich viel Potential. Mehr aber auch nicht. Die Geschichte plätschert dahin, hat keinen Höhepunkt, keine Spannungen und ist teilweise abzusehen. Dass die Geschichte in den 80er Jahren spielt, ist kaum zu spüren, bis auf die Musikkassetten natürlich, die die Clique in der Küche rauf und runter hört. Was sie genau hört, bis auf "Our House", wird dem Leser nicht verraten. Die Protagonisten sind ganz interessant, entwickeln sich jedoch nicht weiter und bleiben irgendwie geheimnisvoll. Informationsfetzen, die man über sie erhält, bleiben eben nur Fetzen.

Sollte dieser Roman explizit ein Jugendroman sein, so fehlen meiner Meinung nach auch hier wichtige Elemente des Jugendromans, wie das Aufzeigen eines Umgangs mit Problemen, einen Weg zu finden, wie man mit dem Erwachsenwerden umgeht und so weiter. Es ist schwierig auszumachen, was der Roman denn nun aussagen soll und wenn er nichts aussagen soll, so konnte er mich nicht einmal unterhalten, da er kaum Handlung hatte, die mich fesseln konnte.

Der Roman scheint jedoch gut vermarktet und überbewertet zu sein. Er wurde mir als etwas verkauft, was er nicht ist. Ich kann ihn mir aber richtig gut als deutsche Verfilmung vorstellen. Von der Machart ein bisschen wie "Crazy". Mal sehen, was da noch kommt.

2 von 5 Sternen



Sonntag, 19. März 2017

[Laberpost] Bücherei-Haul

Ich habe mal wieder Hamburgs Bücherhallen unsicher gemacht und einige Romane mitgenommen, die auf meiner Wunschliste stehen. 
Die Leihfristen betragen 4 Wochen und sofern keine Vormerkungen vorliegen, kann man das Buch noch zwei Mal verlängern. Hoffen wir also, dass ich es in 3 Monaten schaffe, die geliehenen Bücher zu lesen.

Beginnen wir mit einem recht aktuellen Bestseller: "Die Vegetarierin" von Han Kang. Wie man unschwer erkennen kann, habe ich die englische Version mitgenommen, die "The Vegetarian" heißt. Ich habe es durch Zufall entdeckt und dachte mir: Warum nicht mal auf Englisch ausprobieren? Zwar ist die Originalsprache des Romans Koreanisch, sodass ich also nicht in den Genuss der Originalsprache komme (die ich ohnehin nicht verstehe), jedoch ist es mal eine neue Erfahrung, ein Buch für Erwachsene auf Englisch zu lesen.



Kommen wir zu einem Roman, der recht neu ist: „Realitätsgewitter“ von Julia Zange. Ich habe ihn, unerwartet, in der Jugend-Bibliothek gefunden. Ich dachte eher, dass es sich dabei um einen Roman für junge Erwachsene, Zugehörige der Generation Y handelt.

Außerdem sehen wir hier „Party am Abgrund -  Meine Nomadenjahre im Drogen- und Technorausch. Eine Aussteigerin erzählt“ von Bettina Vibhuti Uzler. Hier haben wir es nicht mit einem Roman, sondern einem autobiografischen Buch zu tun, was einen wilden, ungewöhnlichen Lebensabschnitt beschreibt. Ich stelle es mir sehr spannend vor. „Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ hat mir damals sehr gefallen und auch das Buch des Ex-Drogenabhängigen Jörg Böckem fand ich sehr spannend. Biografien zu dem Thema finde ich sehr interessant.



Weiter mit Drogen geht’s mit dem Roman „Endlich Kokain“ von Joachim Lottmann, ein Literat der Popliteratur, der in diesem Roman einen unauffälligen Mann beschreibt, der aufgrund seines Übergewichts eine Kokain-Diät beginnt und sich dadurch nicht nur in einen schlankeren, sondern auch offeneren und exzentrischen Menschen verwandelt.

Last but not least: „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald ist ebenfalls ein Versuch, ein englisches Buch für Erwachsene zu lesen. Diesmal ein Buch, dessen Originalsprache auch Englisch ist. Dieser Roman stand schon länger auf meiner Wunschliste und ich habe den Film bisher noch nicht gesehen, da ich immer das Buch vorher lesen wollte. Damit ich den Film gucken kann, muss ich das Buch also bald lesen.


DVDs hatte ich auch im Gepäck. "The F-Word" mit Daniel Radcliffe und Adam Driver (den ich auch nur wegen letzterem ausgeliehen hatte), "Schoßgebete" nach dem Roman von Charlotte Roche und "The Place beyond the Pines" mit Ryan Gosling. Den wollte ich schon immer mal sehen.

Als nächstes werden Graphic Novels folgen. Ich habe noch nie einen gelesen. Was Comics angeht, kenne ich nur Mangas und das lustige Taschenbuch. Im Internet habe ich mir eine Graphic Novels herausgesucht, die mir gefallen könnten. Darunter zum Beispiel literarische Klassiker und eine Geschichte um die Literaten der Beat Generation.



Wie ist es bei euch? Geht ihr oft in die Bücherei, um euch neuen Lesestoff zu besorgen? Was nehmt ihr da so mit? :)

Mittwoch, 15. März 2017

[Rezension] Wolfgang Herrndorf - In Plüschgewittern



 Als ich „Tschick“ las, war mir gar nicht bewusst, dass Herrndorf auch als Schriftsteller wirkte, der Bücher für junge Erwachsene schrieb oder gar als Popliterat eingestuft wurde. Ich erfuhr erst nach und nach, dass er andere, für mich interessante Werke, schrieb und jetzt, da ich „In Plüschgewittern“ las, kann ich nicht mehr nachvollziehen, was der Hype an „Tschick“ ist.

Inhalt
Ein um die dreißig-jähriger Ich-Erzähler trennt sich von seiner Freundin Erika, die mit einem Transporter nach Frankfurt fährt, um dort in eine WG umzuziehen. Auch er zieht aus München weg, die Stadt, in der beide studierten und sich kennen lernten. Er fährt nach Norddeutschland, in die Nähe von Hamburg zu seinem Bruder und dessen Frau Marit, wo er in seinem alten Zimmer für einige Tage übernachtet und besucht nahe der dänischen Grenze seine im Sterben liegende Großmutter.
Nach diesem Familienbesuch bricht er wieder auf: Er fährt nach Berlin zu seinem guten Freund Desmond. In Berlin wohnt er in der Wohnung von Desmonds Freund Anthony und lernt in einer Kneipe Ines Neisecke kennen, in die er sich kurzzeitig verliebt…

Meinung
Da hatte ich wohl wieder einen Bewusstseinsstrom (oder kann man sagen Semi-Bewusstseinsstrom?) erwischt. Aber dieser Strom las sich sehr angenehm und gut. Der namenlose Protagonist lässt einen teilhaben an seinen Gedanken, Erinnerungen und Kommentaren. Vieles spielt sich in seinem Kopf ab, sodass die Handlung nebensächlich wird. Zu vielem, was geschieht, nimmt der Ich-Erzähler eine Distanz ein, während Kindheits- und andere Erinnerungen mit emotionaler Wärme und vielen Gefühlen erzählt werden. Der Ich-Erzähler ist ein Misanthrop und hat zu allem und allen geringschätzende Kommentare parat, die durchaus sehr amüsant sind. Ich konnte mich oftmals mit dem Ich-Erzähler sehr gut identifizieren und seine Art zu denken, seine Vergleiche, sein Menschenbild nachvollziehen. Ich musste oftmals schmunzeln, weil ich dachte, dass er völlig recht habe. Klare, kritische und bissige Gedanken wechseln sich jedoch mit verwirrten, alkoholisierten Gedanken ab.

Interessanterweise haben alle vorkommenden Personen, außer des Ich-Erzählers, einen Namen. Viele werden sogar durchweg mit Vor- und Nachnamen genannt, wohingegen der Ich-Erzähler ziemlich anonym bleibt.

Wer „Der Fänger im Roggen“ mochte, wird „In Plüschgewittern“ lieben. Wer „Der Fänger im Roggen“ nicht mochte, wird „In Plüschgewittern“ umso mehr lieben. Hier hat man es mit einem Protagonisten zu tun, der seine Verzweiflung an der Welt und seinem Leben an Dingen festmachen kann, der nicht unnütz Fäkalsprache und Fluchwörter benutzt und trotzdem ein tristes, konfuses Bild seiner Welt skizziert, an dem der Leser teilhaben kann.

4 von 5 Sternen




Sonntag, 12. März 2017

[Filmrezension] Becks letzter Sommer



Nachdem ich Benedict Wells‘ Roman „Becks letzter Sommer“ gelesen hatte, musste ich mir natürlich den Film anschauen. Das muss nicht immer eine gute Idee sein, kann mitunter den Horizont zum Werk aber erweitern. Bei diesem Roman-Film gespannt passierte mir dies leider nicht. Hier nun der Versuch eines spoilerfreien Vergleichs.



Inhalt (größtenteils von meiner Buchrezension übernommen)
Robert Beck ist Ende dreißig und Lehrer an einem Gymnasium für Deutsch und Musik. Er befindet sich in einer Midlife-Crisis und trauert seiner verpassten Musikkarierre nach. Der Deutschafrikaner Charlie, ein liebenswerter Hypochonder, ist sein bester Freund. Außer ihm hat er kaum soziale Kontakte.
In einem Café lernt Beck die junge Kellnerin Lara kennen und beginnt eine Affäre mit ihr. Lara hat sich für ein Studium an einer Modeschule in Rom beworben, was Beck scheinbar nichts ausmacht.
Einer seiner Schüler, der jungenhafte Rauli Kantas aus Litauen, entpuppt sich als musikalisches Wunderkind und Beck nimmt sich seiner an, er will ihn als sein Manager groß herausbringen und beginnt, Songs für ihn zu schreiben. Beck organisiert eine Release-Party für Rauli, auf der er Becks geschriebene Songs spielt. Jedoch sind es nicht diese, die das Publikum begeistern, sondern seine eigenen komponierten Stücke, die er immer mal zwischendurch auf gelbe Notizzettel gekritzelt hat.
Becks ehemaliger Bandkollege, der ihn damals schon aus der Band schmiss, bietet Rauli einen Musikvertrag bei Universal an. Beck wäre damit jedoch als Manager raus und so verheimlicht er Rauli vorerst, dass ihm ein Vertrag bei einem Major-Label angeboten wurde.
Charlie, der mittlerweile in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, bricht aus dieser aus und will seine in der Türkei lebende Mutter besuchen. Beck und Rauli begleiten ihn und nehmen aufgrund Charlies Flugangst das Auto, mit dem sie durch Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Istanbul fahren.



Meinung
Vielleicht sollte man nicht kleinlich sein, wenn man einen Film guckt, der einen Roman zur Vorlage hat. Einige, teilweise gravierende Dinge, die ich im Roman gelesen habe, kamen aber im Film nicht vor oder wurden so geändert, dass sich der ganze Film änderte, dass Roman und Film nur noch das Grundgerüst gemein hatten.

Christian Ulmen ist ein mir sehr sympathischer Schauspieler. So sympathisch, dass er für Beck eine völlige Fehlbesetzung war. Beck ist wenig sozial, leidet am Leben, egoistisch und in vielen Situationen auch ein Feigling. Sympathisch war er einem beim Lesen nicht. Christian Ulmen hingegen verkörperte Beck ziemlich liebenswürdig, etwas trottelig vielleicht und auch naiv, was mich oftmals etwas irritierte. Im Roman trifft Beck während eines Drogentrips auf den von ihm so verhassten Musiker Bob Dylan. Im Film wird Dylan nicht erwähnt. Stattdessen spricht er mit dem fremden Mann, dessen Beerdigung er beiwohnte. Warum?!

Charlies Geschichte in dem Buch, die Geschichte eines gutgelaunten Frauenhelden, der sich zu einem traurigen Mann entwickelt, weil er Menschen vermisst, seinen Platz nicht findet und Angst vorm Sterben hat, ist, genau genommen traurig. Im Film wird ein Bild von Charlie gezeichnet, das einen etwas verrückten, aber trotzdem stets lebensfrohen jungen Mann zeigt, der voller Energie und Abenteuerlust steckt. Das, was mit Charlie am Ende des Romans passiert, findet im Film nicht statt. Wodurch für mich ein wichtiges Element der Geschichte fehlt.

Allgemein ist das Ende des Films das komplette Gegenteil des Romanendes. Im Roman hat man das Gefühl, dass die Rollen getauscht werden, was die Charakterentwicklung angeht. Im Film findet keine Charakterentwicklung statt. Die Geschichte plätschert so dahin, ohne, dass wichtige Dinge erklärt werden.



Fazit

Nette Unterhaltung, die in Buchform um einiges nachdenklicher und tiefgründiger ist.

Samstag, 11. März 2017

[Rezension] Hermann Hesse - Siddhartha



Es ist länger her, seit meinem letzten Hesse. „Siddhartha“ liegt schon seit einigen Jahren auf meinem SuB und ein Klassenkamerad brachte mich darauf, es endlich mal zu lesen, als er in einem Lektürekurs an unserer Berufsschule das Buch vorstellte. Nicht nur weil Hermann Hesse zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört, sondern auch weil das Werk einfach ganz bezaubernd ist, habe ich das Lesen um jede Seite genossen.

Inhalt
Der junge Brahmanensohn Siddhartha und sein Freund Govinda wachsen mit den religiösen und philosophischen Lehren der Veden auf und erlernen Gebote, Rituale und Gebete von seinem Vater und anderen Priestern. Siddhartha möchte mehr lernen, er glaubt, dass es noch weisere Lehren gibt und bittet seinen Vater, ihn gehen zu lassen, um den Atman, die Essenz, die in allem steckt, zu suchen. Nur so, glaubt er, kann er aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburt, dem Samsara, entkommen.
Siddhartha und Govinda gehen zu den Samanas, in den Wäldern lebende, asketische Mönche ohne Besitz, die viel meditieren. Doch auch hier scheint Siddhartha nicht das zu finden, was er sucht. Gemeinsam mit Govinda pilgert er zu Gotama, dem Buddha dieser Zeit. Gotama ist bloß durch Lehren zum Buddha geworden, was Siddhartha nicht annehmen kann. Er akzeptiert seine Auffassung und glaubt, dass diese zu ihm passe. Für sich jedoch stellt er fest, dass er allein durch Erfahrungen eigene zum Buddha werden könne, weshalb er sich auf die Reise macht und einen neuen Lebensabschnitt beginnt, um Lebenserfahrungen zu sammeln, während Govinda beim Buddha bleibt, um von ihm zu lernen…

Meinung
„Siddhartha“ ist ein Erzählung, die ähnlich wie andere Entwicklungsromane von Hermann Hesse, wie „Demian“ oder „Der Steppenwolf“, aufgebaut ist.
Der Protagonist, hier Siddhartha, zieht aus, um über sich selber hinaus zu wachsen, um sich und das Leben kennen zu lernen. Am Ende blickt er auf sein altes, unerfahrenes Ich zurück und erkennt, was er vom Leben gelernt hat.

Hermann Hesse hat seine Erzählung in eine dichterische, elegante Sprache verpackt, die angenehm und flüssig zu lesen ist. Mir hat das Lesen unglaublich viel Spaß gemacht und ich konnte mir vieles in schillernden Farben vorstellen. Vor meinem geistigen Auge hatte ich ein indisches Märchen, welches Lebensweisheiten vermittelt, die zum Nachdenken anregen, die klar und gleichzeitig unklar sind, die nicht wirken wie platte Phrasen oder Kalendersprüche. Vielmehr waren philosophische Gedanken sinnvoll eingebettet in den Handlungsablauf und mit diesem verknüpft, sodass nicht nur bloße Worte die Philosophie Siddharthas widergeben, sondern auch seine Handlungen, die ich als Leser miterlebe und für mich interpretiere.


 5 von 5 Sternen




Mittwoch, 8. März 2017

[Laberpost] Bücherei-Report



Gestern habe ich meine Karte für die Stadtbibliothek (Hamburger Öffentliche Bücherhallen) wieder für ein Jahr im voraus bezahlt. Als über 27-Jähriger Mensch, der eine Berechtigung auf eine Minderung des Preises hat, zahlte ich 20 Euro, was ich durchaus in Ordnung finde. Den verminderten Preis können Menschen in Ausbildung (Schule, Studium, FSJ, BFD) sowie Menschen in finanziell schwierigeren Lagen (Arbeitslosengeld, Grundsicherung, Rente) in Anspruch nehmen. 
Das ist mit ca. 1,60 Euro im Monat ziemlich günstig und lohnt sich vor allem dann, wenn man so gut wie gar keine eigenen Medien kaufen möchte und alles, was man sucht in der Bücherhalle findet.

Im vergangenen Jahr hatte ich auch eine Karte zum Ausleihen, habe sie jedoch kaum genutzt. Ich hatte mir vor allem Literatur für die Ausbildung ausgeliehen, die ich zum Lernen oder Schreiben von Arbeiten benötigte. Romane oder gar andere Medien nahm ich gar nicht mit.

Das soll sich jetzt ändern. Was meinen Bücherbesitz angeht, so will ich minimalistischer werden. Ich möchte mir weniger Bücher kaufen, meinen Besitz "weglesen", sodass ich ihn danach aussortieren kann und Platz für andere Dinge machen. Es sollen nur noch Lieblingsbücher und solche, die mir irgendwie wichtig sind, bleiben. Viele sind es jedoch nicht, waren zwar gut, aber ich sehe keinen Sinn mehr darin, sie auf immer und ewig zu behalten. Und mal im ernst: Ein zweites Mal lese ich kein Buch. Wen will ich denn mit einem Bücherregal beeindrucken? Richtig, niemanden.

Gestern fuhr ich mit einer Schulfreundin in die Hauptzweigstelle der Bücherhalle, die in einem großen Gebäude in der hamburger Innenstadt sitzt. Vorrangig war ich da, um mir Literatur für meine Ausbildung zu suchen und bin auch teilweise fündig geworden. 
Jedoch traten schnell die ersten Ernüchterungen und Ärgernisse ein, die mich schon während der letzten Jahre ärgerten. 
  • Zum einen ist meistens das Buch, welches man am meisten benötigt, verliehen. Wobei ich mich dann frage: Warum hat eine gut sortierte Bibliothek mit 500.000 Medien nicht mehrere Exemplare solcher Werke? Im Internet habe ich mir das Buch für 2 Euro vorgemerkt und so wird es dann, wenn es abgegeben wird, in meine Filiale geschickt, wo ich es dann abholen kann. Trotzdem: Scheinbar wichtige beliebte Werke sollte man in einer so großen Stadt mehrfach zur Verfügung haben. Und das nicht nur bei Romanen. Bei einigen Büchern klappt das, bei anderen nicht. Wird das extra so gemacht, damit wir Kunden 2 Euro fürs Vormerken verplempern? 
  • Desweiteren fühlt man sich manchmal einfach erschlagen, wenn man da ist. Einige Romane sind komisch sortiert. So findet man einige Werke von Rocko Schamoni in der Jugendbücherei im Keller, andere wiederum in der gewöhnlichen Abteilung für Belletristik. Auch Romane, von denen ich nicht denken würde, dass sie für Jugendliche sind, sondern für junge Erwachsene, sind in der Jugendbücherei zu finden. 
  • Außerdem findet man natürlich nicht alles dort. Im Internet kann man zwar Buchwünsche abgeben, trotzdem sind es meist die bekannteren Bücher, die es in die Bücherhallen schaffen.
  • Was mich am meisten (negativ) überrascht hat, als ich online im Katalog stöberte: Einige Bücher, die als Reihe, wie z.B. Stephen Kings "Der dunkle Turm"-Reihe zusammen gehören, sind nicht komplett in einer Zweigstelle zu finden, sondern auf die ganze Stadt in Einzelbänden verteilt. Da muss man leider auch sagen, dass die Verlage dies nicht offensichtlich kennzeichnen als "Der dunkle Turm Band 1: Schwarz" usw., sodass die Bibliothekare mitunter vielleicht gar nicht wissen, dass es sich bei diesen Büchern um eine zusammenhängende Reihe handelt. In einigen Ausgaben sehen die einzelnen Bände auch aus wie alle anderen Thriller/Horror-Romane von King. 

Weil ich nicht alleine war und man mit Freunden im Nacken wirklich nicht so gut stöbern kann, nahm ich mir als einziges belletristisches Buch "In Plüschgewittern" von Wolfgang Herrndorf mit und studierte zu Hause eingehend den Katalog der Bücherhallen.
Ich setzte mir einiges auf die Liste und stellte fest, dass die kleine (popelige) Bücherhalle in meinem Stadtteil einige Bücher und DVDs hat, die ich lesen und gucken wollte. So fiel mein "Bücherei-Haul" der letzten beiden Tage so aus:


Hier seht ihr drei Bücher, die ich unbedingt einmal lesen wollte: 

Bov Bjerg - Auerhaus - Ein relativ aktuelles Buch. Es erschien 2015 und wird  als Jugendroman kategorisiert und bei den Jugendbüchern habe ich es auch gefunden. Es geht um eine Schüler-WG im "Auerhaus", Anfang der 80er Jahre.

Zwei Herrndorfs mussten außerdem mit.

In Plüschgewittern - ist -nach Wikipedia zu urteilen- sein erster Roman und handelt von einem Mann um die dreißig, der nach Berlin geht, dort viel erlebt und nebenbei am Leben leidet.

Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman - ist, wie man dem Titel entnehmen kann, ein unvollendeter, Herrndorfs letzter Roman, an dem er schrieb, bevor er sich das Leben nahm. In diesem Roman trifft man eine alte bekannte, Isa, das Mädchen aus "Tschick", welches Maik küsste und ihm später noch Briefe schrieb.

Was die DVDs angeht, so habe ich mich für zwei Filme entschieden, die ich leider nicht bei Netflix finden konnte.


Becks letzter Sommer, da ich den Roman ja kürzlich beendet habe. Ich bin gespannt, wie der Film sein wird. Christian Ulmen kommt meiner Vorstellung von Beck jedoch nicht allzu nahe.

und Die Entdeckung der Unendlichkeit, ein Film, der die jungen Jahre von Stephen Hawking behandelt, als er studierte, Jane kennen lernte und an einer unheilbaren Nervenkrankheit erkrankte.

Meine Merkliste der Bücherhalle ist lang, deshalb werde ich hoffentlich demnächst weitere Medien präsentieren können.





Sonntag, 5. März 2017

[Rezension] Benedict Wells - Becks letzter Sommer



Benedict Wells – Ein junger Autor, der, laut Aussagen der Besprechungen, den Geist seiner Altersgenossen, seiner Generation widergibt, ein Schriftsteller, der es versteht, unterhaltsame Geschichten mit klugen Gedanken über das Leben zu verbinden.
Deshalb musste ich mir einen „Wells“ anschaffen, um zu überprüfen, ob es stimmt. Schon bevor ich ihn las, verfiel ich ins Wells-Fieber. Ich kaufte mir „Spinner“, weil ich mir das Buch so sehr wünschte und „Becks letzter Sommer“, weil ich es für ca. 3 Euro als Mängelexemplar fand. Meine Erwartungen an ihn und seine Werke waren und sind sehr hoch. Nach „Becks letzter Sommer“ ist meine Begeisterung zumindest ein wenig abgeflaut.

Inhalt
Robert Beck ist Ende dreißig und Lehrer an einem Gymnasium für Deutsch und Musik. Er befindet sich in einer Midlife-Crisis und trauert seiner verpassten Musikkarriere nach und beneidet jeden um alles, so auch seinen besten deutschafrikanischen Freund, der zwar ein Hypochonder ist, aber regelmäßig Frauen abschleppt und Spaß am Leben hat.
In einem Café lernt Beck die junge Kellnerin Lara kennen und beginnt eine Affäre mit ihr. Lara hat sich für ein Studium an einer Modeschule in Rom beworben, was Beck scheinbar nichts ausmacht: Er kann ohnehin nicht lange mit einer Frau zusammen sein und ist eher der Typ für lockere Verbindungen.
Einer seiner Schüler, der jungenhafte Rauli Kantas aus Litauen, entpuppt sich als musikalisches Wunderkind und Beck nimmt sich seiner an, er will ihn als sein Manager groß herausbringen und beginnt, Songs für ihn zu schreiben. Beck organisiert eine Release-Party für Rauli, auf der er Becks geschriebene Songs spielt. Jedoch sind es nicht diese, die das Publikum begeistern, sondern seine eigenen komponierten Stücke, die er immer mal zwischendurch auf gelbe Notizzettel gekritzelt hat.
Becks ehemaliger Bandkollege, der ihn damals schon aus der Band schmiss, bietet Rauli einen Musikvertrag bei Sony BMG an. Beck wäre damit jedoch als Manager raus und so verheimlicht er Rauli vorerst, dass ihm ein Vertrag bei einem Major-Label angeboten wurde.
Charlie, der mittlerweile in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, bricht aus dieser aus und will seine in der Türkei lebende Mutter besuchen. Beck und Rauli begleiten ihn und nehmen aufgrund Charlies Flugangst das Auto, mit dem sie durch Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis nach Istanbul fahren. Erzählt wird diese Geschichte vom Schriftsteller Ben, der Becks ehemaliger Schüler ist und ihn für seinen Roman um Gespräche und Interviews bittet.

Meinung
Schon zu Beginn hatte ich das Gefühl, Bendict Wells hat ein Buch geschrieben, das verfilmt werden soll. Die Charaktere, der Handlungsablauf und die Dialoge weisen Klischees und Merkmale deutscher Filmästhetik auf, dass ich das Gefühl hatte, das Buch wurde zu einem Film geschrieben anstatt anders herum. Mittlerweile wurde der Roman auch verfilmt und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er denn ist.
Beck ist an sich ein ziemlich unsympathischer Charakter. Ich hatte kaum Mitleid mit ihm und kein Verständnis für seine Situation, was vor allem an seiner Art und Weise liegt, wie er mit Problemen und Situationen umgeht. Jedoch muss ein Protagonist keineswegs gut sein, um den Roman gut zu finden.
Besonders interessant fand ich aber Charlie und Rauli. Auch sie waren, wie viele andere Dinge in diesem Roman, Stereotype, wie man sie in modernen deutschen Kinofilmen finden würde, jedoch haben beide eine verschrobene Art an sich, die sie liebenswert macht, sodass man über die stereotypen Züge hinweg sehen kann. Stellenweise ist die Handlung vorhersehbar und an einigen Stellen unausgereift. Es passieren Dinge, die nicht weiter aufgeklärt werden, sondern im Raum stehen bleiben. Diese Geschehnisse haben aber keinen richtigen Sinn, stehen also nicht symbolartig für etwas, was für die Interpretation wichtig wäre. Warum zum Beispiel ist es wichtig zu erwähnen, dass Beck auf seine minderjährige Schülerin abfährt und sie im Laufe der Geschichte küsst? Es gibt aber noch weitere Fragen, die Wells in mir zurück ließ. Auch die Hinführung zum Abenteuer war etwas lang. Ich war der Meinung, dass der Roadmovie-Abschnitt den Kern der Geschichte ausmacht, sein Höhepunkt ist. Dieser Kern war jedoch sehr klein, im Vergleich zum Rest des Buches. Die Abschnitte schienen teilweise auch nicht logisch miteinander verknüpft. Es war keine steigende Handlung erkennbar, die zum Höhe- beziehungsweise Wendepunkt führt.
Wells‘ Schreibstil ist klar, seine Sprache simpel aber nicht trivial. Er hat, meiner Meinung nach, ein besonderes Händchen dafür, tiefgründige Gedanken über das Leben, über den Menschen, über Sinn und Unsinn der Dinge zu Papier zu bringen. Das letzte Drittel des Romans weist einen solchen Tiefgang auf und hat mir daher besonders gut gefallen. Viele andere Dinge kamen mir jedoch so vor, als schreibe er von ihnen, obwohl er keine Ahnung davon hat. Man hat gespürt, dass Wells zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Romans noch sehr jung war und eine Geschichte schrieb, in der er kaum eigene Lebenserfahrungen einfließen ließ oder lassen konnte. Etwas merkwürdig war auch die Erzählperspektive. Der Schriftsteller Ben erzählt die Geschichte von Beck und meldet sich manchmal in der Ich-Perspektive zu Wort. Jedoch relativ spät, was ziemlich überraschend kommt. Diesen Einschnitt fand ich ganz interessant. Jedoch fand ich es komisch, dass ein Ich-Erzähler die Geschichte von Beck in der auktorialen Erzählperspektive schreibt. Er kann nunmal nicht in ihn hinein sehen. Würde dieser Ich-Erzähler im Roman nicht existieren, wäre die auktoriale Erzählperspektive völlig okay, da der eigentliche Schriftsteller, hier Benedict Wells, ja beim Lesen in den Hintergrund tritt und somit unsichtbar ist. Ein Merkmal des auktorialen Erzählers ist, dass er allwissend ist, sich aber außerhalb der erzählten Wirklichkeit befindet. Hier ist dem nicht so. Der auktoriale Erzähler ist gleichzeitig eine Figur im Roman, wenn auch in der Rahmenhandlung, was auf mich nicht stimmig wirkte.

Und ich frage mich, ob es nur mir aufgefallen ist: Bestehen Parallelen zwischen Wells‘ „Becks letzter Sommer“ und Herrndorfs „Tschick“? Schon schnell hatte ich das Gefühl, dass sich die Romane ähnelten: Sprachlich aber auch charakterlich. Tschick wie auch Rauli sind Eigenbrötler aus einem anderen Land, die mit einem vermeintlichen Versager Freundschaft schließen. Rauli wie auch Maik aus „Tschick“ sind unsterbliche in die beliebte Klassenkameradin verliebt, die jedoch Körbe verteilt. In beiden Romanen geht es ums Reisen ins Unbekannte mit dem Auto. Auf der Reise stoßen beide auf Hindernisse, die es zu überwinden gilt, auf Erfahrungen mit Frauen und  gefährliche Abenteuer. Und nicht zuletzt gibt es in „Becks letzter Sommer“ eine Pension die „Tchik“ heißt, benannt nach ihrem schrulligen Inhaber. „Becks letzter Sommer“ erschien 2008. „Tschick“ im Jahre 2010. Wurde Herrndorf von Wells inspiriert oder ist es ein bloßer Zufall?


Alles in Allem fand ich den Roman trotzdem sehr unterhaltsam und bin gespannt auf Wells weitere Werke. Ich bin überzeugt davon, dass er sich in und durch seine weiteren Romane weiter entwickelt hat und Älter geworden ist. Mein nächster Wells wird Spinner sein, mit dem ich mich womöglich besser identifizieren kann.


3 von 5 Sternen



Freitag, 3. März 2017

[Filmrezension] Kill your Darlings


Seit ich von diesem Film erfuhr, wollte ich ihn unbedingt sehen. Er behandelt eine wahre Geschichte einer literarischen Epoche oder Gruppe, die mir sehr am Herzen liegt: Die Beat-Generation. Gott sei Dank fand ich ihn dann auf Netflix!
Für die Beat-Generation ist vor allem Jack Kerouac bekannt. Er ist so etwas wie ihr Aushängeschild, er ist der erfolgreichste dieser Schriftsteller-Gruppe, die vor allem in den 40ern und 50ern des 20. Jahrhunderts wirkte. Die Vertreter dieser Gruppe, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und einige weitere kreative und verrückte Köpfe, lernten sich in New York an der Columbia University kennen und wirkten auch vor allem dort und teilweise in San Francisco. In New York und rund um die Columbia University spielt auch der Film "Kill Your Darlings", in dem mal nicht Jack Kerouac das Zentrum aller Aufmerksamkeit ist (Auch wenn er es natürlich verdient), sondern Lucien Carr und Allen Ginsberg.

Inhalt oder: Allen in Wonderland 
Der junge Allen Ginsberg beginnt 1944 ein Literaturstudium an der Columbia University in New York und lässt dabei seine psychisch kranke Mutter mit seinem Vater zurück. Dort lernt er den avantgardistischen Studenten Lucien Carr kennen, dessen Charme und unkonventionelle Art ihn sofort begeistern und anziehen. Sie werden zu besten Freunden, werden sogar intim miteinander und inspirieren sich gegenseitig, wobei vor allem Allen zum Schreiben inspiriert und ermutigt wird. Durch Lucien gelangt er mehr und mehr in Schriftsteller-Kreise und lernt Jack Kerouac, William S. Burroughs und David Kammerer kennen. Sie lehnen sich gegen Autoritäten auf, testen ihre Grenzen und experimentieren mit Drogen. 
David ist ein alter Jugendfreund von William und seit langem schon in Lucien verliebt. Er ist ihm nach New York gefolgt, um in seiner Nähe zu sein und eifersüchtig auf Allen, der mittlerweile Luciens volle Aufmerksamkeit bekommt. Dieser macht jedoch Schluss mit David, er streicht ihn aus seinem Leben, womit dieser sich nicht abfinden kann.
Um ihn vollends los zu sein, heuert er mit Jack Kerouac auf einem Schiff an und wird kurz vorher von David aufgehalten. Lucien bittet ihn, mit ihm spazieren zu gehen, um über alles zu reden. Die Stimmung der beiden Ex-Liebenden heizt sich jedoch auf und Lucien ersticht David und wirft ihn gefesselt in den Hudson River.
Im Gefängnis sitzend bittet er Allen eine entlastende Aussage zu schreiben und der junge Poet steht vor einer schweren Entscheidung.

(William, Allen, Lucien, Jack)

Meinung
Über den Mordfall schrieben William S. Burroughs und Jack Kerouac gemeinsam einen Roman: "And the hippos were boiled in their tanks" (Deutsch: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken).
Ich habe diesen Roman vor einigen Jahren gelesen und glaube auch von dem Fall in anderen Werken von Kerouac gelesen zu haben. Viele Szenen wurden so umgesetzt, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Auch die Beat-Literaten wurden so dargestellt, wie ich sie mir als Personen vorgestellt hatte, wobei ich jedoch mit der Darstellung von Kerouac ein Problem hatte. Hier, im Film, war er ein untreues, überhebliches Arschloch, der vor Arroganz nur so strotzte. Kerouac war, weiß Gott, nicht mit einer weißen Weste bekleidet, was Frauen anging, jedoch glaube ich, dass er, so wie er in anderen Medien dargestellt wird, um einiges introvertierter, ruhiger und wortkarger war, als im Film. Im Zentrum seiner Freunde war er meist er der Beobachtende, der an verrückten Aktionen eher teilnahm, als dass er sie anführte.

Daniel Radcliffe  und Dane DeHaan haben ihre Rollen unfassbar gut gespielt. Ihre Gefühle schienen nahezu echt. Ich konnte ihre intensive und intime Freundschaft richtig mitfühlen. Auch optisch kamen sie nahe ans Original heran. Radcliffe spielte seine Rolle als Allen so gut, dass ich kein einziges Mal an Harry Potter denken musste. Auch wenn die Beziehung des Allen und Lucien möglicherweise fleischgewordener Traum aller Harry x Draco-Shipper ist.

Vor allem aber ist der Film auch ein Streifen fürs Auge und für die Ohren. Es gibt sehr viele ästhetische Aufnahmen und Szenen. Hintergründe verschwimmen als Bokeh, Drogentrips und Gefühle werden durch experimentelle Bearbeitung verdeutlicht und man hat das Gefühl, wirklich in den 40ern zu sein, wenn Jazz oder Swing gespielt wird aber auch wenn modernere Musik ertönt.

(William und David)


Der Film an sich thematisiert mehrere Dinge: Die Beat-Generation, Homosexualität, Moral und die Zeit der 40er Jahre in den USA. Somit ist der Film für viele Interessen und Geschmäcker geeignet und sollte nicht verpasst werden.

Bei mir ist der Film jedenfalls auf die Favoritenliste gelandet. Er konnte mich von der Handlung, von der Stimmung und der ganzen ästhetischen Aufmachung her komplett überzeugen.



(Die echten: Jack Kerouac und Lucien Carr)