Dienstag, 28. Februar 2017

Romane, die mein Leben beeinflussten (Teil 1)

Kennt ihr das? Ihr habt ein Buch beendet, es klingt lange noch in euren Gedanken und in den Bildern in eurem Kopf nach. Ihr durchdenkt noch einmal das Gelesene und bemerkt: Es hat euer Denken beeinflusst.

Es gibt ein paar Bücher, die mich so sehr beeindruckten, dass sie mein Denken veränderten oder in gewisse Bahnen lenkten. Sie erweiterten meinen Horizont oder ermöglichten mir ein Gefühl oder eine Sicht, das so vorher nicht dagewesen war. Somit beeinflussten sie letztendlich auch mein Leben. Oder? Doch welche Romane waren es?


"1984" ist eines meiner Lieblingsbücher. Es hat mein Denken dahingehend verändert, dass ich mir ausmalen konnte, was in einem politischen System oder in einer Gesellschaft alles möglich wäre. Man kann das Denken der Menschen beeinflussen, indem man ihre Sprache beeinflusst. Begriffe können aus den Köpfen der Menschen gelöscht oder geändert werden indem man das passende Vokabular ändert. Auch die Emotionen der Menschen lassen sich beherrschen, indem man die Sprache auf eine bestimmte Art und Weise nutzt. Dies geschieht nicht nur in der Dystopie "1984", sondern auch im heutigen Deutschland. Man schaue sich nur den Wikipedia-Artikel zu "Euphemismus" an.


"Unterwegs" von Jack Kerouac veränderte vor allem meine Gefühlswelt und kam wie gerufen als ich es, genauso wie "1984" mit 20 Jahren las.
Kerouac weckte in mir den Wunsch, frei, spontan und "unterwegs" zu sein. Ich wollte raus, die Welt erkunden und viel erleben. Es beeinflusste meine Einstellungen zu vielen Dingen, machte mich mutiger und ungebundener. Ich bin froh, auf Kerouac, meinen Lieblingsautoren, gestoßen zu sein.


 

"Die Verwandlung" las ich mit etwa 18 oder 19 Jahren und war der erste Klassiker, den ich komplett freiwillig las. Klassiker kannte ich bisher nur aus dem Deutschunterricht, der einem mitunter den Spaß an einem solchen Werk nehmen kann. 
Kafkas außergewöhnliche Atmosphäre, die Sprache und das günstige Reclam-Format machten mir Lust auf mehr. Hätte ich nicht mit Kafka begonnen - ich weiß nicht, ob ich dann jemals freiwillig weitere Klassiker gelesen hätte.


Die "Harry Potter"-Reihe habe ich vergleichsweise spät angefangen. Das war im Sommer 2003, als ich 15 war. Ich hatte mich immer gegen den Hype gewehrt, bis ich herausfinden wollte, was es mit diesem komischen Jungen auf sich hat. Ich bestellte mir den ersten Band und nahm ihn mit den Urlaub nach Frankreich. Den Band hatte ich verschlungen und saß dann, im Urlaub, auf dem Trockenen. 
Wieder zu Hause begann ich, mir die weiteren, bisher erhältlichen Teile zu kaufen und wurde doch ein Fan davon. Die letzten beiden Teile bestellte und las ich dann auf Englisch, weil ich das Warten auf die Übersetzung nicht aushalten konnte. Und dann kam das tiefe Loch nach Harry Potter, das wohl viele Leser überfällt.
Ich versuchte, es mit "Tintenherz" zu stopfen, was mir aber nicht gelang. Auch andere Jugendfantasyromane hatte ich halbherzig angetestet, was mir nicht zusagte. Ich begann das Lesen von Belletristik und war einigermaßen zufrieden. 
Harry Potter hat mich zum regelmäßigen Lesen animiert, mir den Spaß am Lesen vermittelt. Zwar habe ich zuvor und in meiner Kindheit ab und zu gelesen, jedoch nicht so viel wie nach Harry Potter. 


In der Autobiographie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gab es neben grusligen Drogensucht-Stories allerlei interessantes zu entdecken. Jedenfalls beeinflussten mich ein paar Dinge aus diesem Buch in der Zeit, in der ich es las. Ich muss etwa 18 gewesen sein. Christiane F. hatte eine jugendliche Sprache, mit der ich mich zu jener Zeit identifizieren konnte. Oft benutzte sie "rumflippen" im Sinne von "herumstreunern", von "A nach B gehen und etwas cooles erleben". So nutzte auch ich es mit meiner damaligen besten Freundin und es hat perfekt zu uns gepasst, so dachten wir.
Christiane F. trank außerdem gerne Kirschsaft, was mich dazu inspirierte, Wodka mit Kirschsaft zu trinken, wenn ich ausging. 
Sie erzählte außerdem viel von dem Buch "Die Kunst des Liebens", ein gesellschaftskritisches Werk des Philosophen und Psychoanalytikers Erich Fromm, welches sich kritisch mit der romantischen Liebe in der kapitalistischen Gesellschaft auseinandersetzt. Wie Christiane F. habe ich das Buch verschlungen. Durch sie bin ich an Erich Fromm geraten und dieser öffnete mir mit seinem Werk das Tor zur Philosophie und/oder machte sie mir zugänglich.







Dienstag, 21. Februar 2017

[Rezension] Knut Hamsun - Hunger

(Bild dient der Veranschauulichung. Ich hatte eine Ausgabe aus den 60er Jahren.)


Knut Hamsun – Ein Literatur-Nobelpreisträger, der, im Gegensatz zu manch anderen Schriftstellern, die den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen haben, relativ unbekannt ist. Dabei inspirierte der 1859 geborene und 1952 verstorbene Norweger andere Literaten wie Hermann Hesse oder Thomas Mann. Und sein Werk „Hunger“, sein erster Roman, war nicht unbeteiligt daran



Inhalt
Ein namenloser Ich-Erzähler schildert seine Not und seinen Verfall durch Armut in der norwegischen Hauptstadt Kristiana (Heute: Oslo). Er ist ein junger erfolgloser Schriftsteller und versucht krampfhaft etwas zu schreiben, um es an eine Zeitung oder ein Theater zu verkaufen. Ab und zu schafft er es, einen Artikel an eine Zeitung zu verkaufen oder anderweitig, oftmals durch Glück, an ein wenig Geld zu kommen. Jedoch hat er nicht genug Geld, um sich ein Dach über den Kopf und Nahrungsmittel zu leisten, sodass er körperlich und psychisch verfällt.

Meinung
„Hunger“ ist in Form eines Bewusstseinsstroms verfasst und war damit einer der Vorreiter dieser Erzähltechnik. Diese schafft es, dass man voll und ganz beim Ich-Erzähler ist, dass man das Gefühl hat, man sitze in seinem Kopf, kann seine emotionale Achterbahnfahrt und teilweise abstruse Gedanken förmlich mitfühlen und -denken. Diese Erzähltechnik kann jedoch auch anstrengend sein, da man als Leser eben kaum Abstand zum Erzähler hat. Ich habe relativ lange für das Buch gebraucht und musste mich immer wieder distanzieren. Schon nach wenigen Seiten.
Das soll aber nur heißen, dass Hamsun es geschafft hat, den Leser in des Ich-Erzählers „Welt“ zu ziehen. Man ist Teil seines Wahnsinns, seiner Beobachtungen und Gedanken. Oftmals weiß man nicht, welche erlebte Situation nun wahr oder ein Teil seiner Wahnvorstellung ist. Man ärgert sich auch über ihn, über seinen falschen Stolz, seine Entscheidungen, sein unüberlegtes Handeln. Der Ich-Erzähler hat kaum Geld, und wenn er welches hat, gibt er es falsch aus, so dass er nicht lange davon essen und überleben kann, sodass das Elend schnell wieder weiter geht, als hätte er nie auch nur eine Öre in der Hand gehabt. Dies führt auch dazu, dass man nicht immer mit dem Ich-Erzähler mitfühlen kann – Im Gegenteil, manchmal widert er einen an, er macht einen wütend, man würde ihm gerne die Meinung sagen, wo man ihm doch so nah ist.
Ich hatte jedenfalls viele verschiedene Gefühle, als ich diesen Roman las und kann sagen, dass Hamsun damit ein ganz besonderes, aufwühlendes Werk geschaffen hat.
Auch sprachlich hat mir dieser Roman sehr gefallen. Die Sprache ist elegant und alltäglich zugleich und man begegnet vielen Wortneuschöpfungen, die aus des Ich-Erzählers Gedanken stammen.

Fazit

Ein kleines Meisterwerk, das den Leser die Gefühlsschwankungen eines Ich-Erzählers miterleben lässt.


4 von 5 Sternen


Sonntag, 19. Februar 2017

Der Friedhof der abgebrochenen Bücher. Teil 3: Joey Goebel - Freaks



"Vincent" ist ja ein hochgelobtes Buch vom Autor Joey Goebel, welches man nicht verpassen darf. So in etwa liest es sich zumindest, wenn man Rezensionen zu diesem Buch liest. Zufälligerweise begegnete mir einst ein anderer Roman des Autors. "Freaks". Ich dachte mir, ich nehme ihn mal mit und führe ihn mir zu Gemüte. Ich habe es aber nicht weit geschafft.

"Freaks" ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Band in Kentucky. Ungewöhnlich, warum? Weil die Mitglieder sehr verschieden und -nunja- ungewöhnlich sind. Ein Literatur-Kenner würde wahrscheinlich sagen, dass Goebel tief in die Klischee-Kiste gegriffen hat.
Die Mitglieder der Band sind eine nymphomanische 80-jährige Dame; ein niedliches 8-jähriges misanthropisches Mädchen; ein Afroamerikaner, der sich von seinen dreizehn mit Drogen dealenden Brüdern abgrenzen will, indem er den Intellektuellen mimt; eine Prediger-Tochter, mit Hang zum Satanismus im Rollstuhl und ein irakischer Soldat, der im Krieg einen amerikanischen Soldaten verletzt hat und nun auf der Suche nach ihm ist. Diese konstruierten Charaktere entspringen scheinbar einem Autoren-Hirn, was sich dachte: "Hmm, welche Eigenschaften kann ich meinen Charakteren geben, damit sie besonders auffallen, damit ICH besonders auffalle und in der Welt der Literatur provoziere?"
Mich hat zumindest gar nichts provoziert. Ich fand den Roman inhaltslos, seine Sprache platt, gewollt cool und vulgär. Scheinbar tiefgründige Passagen, geäußert durch den afroamerikanischen Intellektuellen, lasen sich abgedroschen wie all die Charaktere, die sich in dem Roman tummelten. 
Die Kapitel sind jeweils aus anderen Perspektiven geschrieben, jeder "Freak" kommt mal zu Wort. Ich fand diese Erzähltechnik unheimlich nervig, sie wirkte auf mich nicht sinnvoll. Eine auktoriale Perspektive hätte diesen ganzen Bekloppten einen sicheren, geordneten Rahmen gegeben. Diese Perspektivwechselei jedoch wirkte genauso gewürfelt wie die Charaktere selber. Auffallen um jeden Preis scheint das Motto des Autors gewesen sein. 

Das Buch entsorgte ich letztendlich im Müll. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Müll zu Müll.

Samstag, 18. Februar 2017

Weitere Gedanken zu "Effi Briest" von Theodor Fontane




Es ist nun bald einen Monat her, seit ich "Effi Briest" ausgelesen habe und noch immer hallt die Geschichte in mir nach. Und das soll doch ein gutes Zeichen sein. Nach ein bisschen Gegoogle habe ich herausgefunden, dass Effis Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert, was ich zum Zeitpunkt meiner Rezension gar nicht wusste. Die 1853 geborene Elisabeth von Plotho war es, die Theodor Fontane den Stoff für seinen berühmten Ehebruchroman darbot. Zwar war ihre Biografie ein wenig anders als die Effis, jedoch gab es auch einige Übereinstimmungen.

Elisabeth von Plotho heiratete den Baron Armand von Ardenne und wurde somit zu Baronin Elisabeth von Ardenne. Sie lernten sich bereits in ihrer Jugend kennen, er war fünf Jahre älter als sie. Seinen ersten Heiratsantrag wies sie ab. Ihre Gefühle schienen sich geändert zu haben, als Armand von Ardenne während des deutsch-französischen Krieges verwundet wurde. Sie heirateten, als sie 19 und er 24 war.
Als das Ehepaar einige Jahre später von Berlin nach Düsseldorf zog, lernten sie den Amtsrichter Emil Hartwich kennen, mit dem sie sich befreundeten. Besonders die Baronin verband eine enge Freundschaft mit ihm, da sie viele Gemeinsamkeiten, wie die Liebe zum Theater, entdeckten. Elisabeth unterhielt auch noch einen regen Briefwechsel mit Hartwich, als sie und der Baron wieder nach Berlin gezogen waren, wo er die Familie gelegentlich besuchte.
Eines Sommers, als sich Armand  in einem Manöver befand, beschlossen Elisabeth und der unglücklich verheiratete Hartwich, sich von ihren Ehepartnern scheiden zu lassen, um zu heiraten. Der Baron jedoch entdeckte ihr geheimes Vorhaben in Form eines regen Briefwechsels in Elisabeths Kassette und wurde in seinem Argwohn bestätigt. Er reichte die Scheidungsklage ein und forderte Hartwich zum Duell heraus, um seine verletzte Männerehre wieder herzustellen. Hartwich wurde dabei schwer verletzt und erlag einige Tage später seinen Verletzungen im Universitätsklinikum in Berlin. 
Nach der Scheidung wurden die Kinder Margot und Egmont dem Baron zugesprochen. Elisabeth wurde danach Krankenpflegerin und kümmerte sich um Bedürftige und Kranke. Im Gegensatz zu Effi begann Elisabeth nach der Scheidung sich selbst zu verwirklichen. Sie starb nicht an gebrochenem Herzen und sah ihre Kinder wieder, wenn auch erst nach fast zwanzig Jahren.

Theodor Fontane verkehrte in denselben Kreisen wie die adlige Familie und erfuhr aus einer Zeitung von der Duellierung des Barons und seines Rivalen. Die reale Ehebruch-Geschichte inspirierte ihn zu seinem Gesellschaftsroman "Effi Briest".

Die Verfilmung von 2009 kannte ich vor dem Lesen des Romans, ich hatte sie damals im Kino gesehen. Nach dem Lesen ist mir aufgefallen, dass irgendetwas anders ist. Effis Filmversion verwirklicht sich nach der Scheidung selbst, stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Von Fontane unausgesprochene Dinge wie die Entdeckung ihrer Lust werden im Film deutlich thematisiert. Mich irritierten diese Unterschiede, als ich den Roman kürzlich auslas. Denn genau das Unausgesprochene war es, was mich an Fontanes Roman so faszinierte; dass hinter vielem eine Interpretations-Ebene liegt, die es zu erkunden gilt. Denn auch das tragische Ende der todkranken, leidenden Effi schafft eine Dramatik, die die Missstände der damaligen, preußischen Gesellschaft beschreibt. Wertneutral und offen für Interpretationen, ganz wie es im Realismus üblich war. Die Regisseurin Hermine Huntgeburth erschuf eine moderne Effi, die mit den Empfindungen einer modernen Frau ausgestattet war und ein modernes neues Leben begann - Könnte man meinen. Jedoch wird deutlich, wenn man sich mit der Hintergrundgeschichte des Romans beschäftigt, dass Huntgeburths Effi ein Hybrid ihres literarischen und realen Vorbilds ist, und dieser Film somit nicht nur Theodor Fontane, sondern auch Elisabeth von Plotho die Ehre erweist.





Quellen

Freitag, 17. Februar 2017

Mein Blog auf der interaktiven Landkarte von "booksnerds.de"

Das Online-Medienmagazin www.booknerds.de, welches sich nicht nur mit der feuilletonischen, sondern auch mit der Blogger-Szene verbunden fühlt, hat eine Landkarte erstellt, auf der man seinen Medienblog eintragen kann. Auf der Landkarte #werschreibtwo kann jeder seinen unabhängigen, unkommerziellen Blog eintragen, auf dem er über verschiedenste Medien schreibt und berichtet. 
Auch ich habe mich mal auf der interaktiven Landkarte, die unter http://werschreibtwo.booknerds.de zu erreichen ist, verewigt. Das sieht dann wie folgt aus.


Über diese Landkarte habe ich auch schon einige andere interessante Blogs gefunden. Tragt euch doch auch ein, damit wir Literatur-Blogger irgendwann alle vernetzt sind! :)

Freitag, 10. Februar 2017

[Rezension] Paulo Coelho - Veronika beschließt zu sterben



„Veronika beschließt zu sterben“ habe ich vor rund neun Jahren gelesen. Trotzdem kann ich mich noch recht gut erinnern, wie es mir beim Lesen erging, weshalb ich nun, eine Ewigkeit später, diese Rezension schreiben möchte.

Inhalt
Die 24-jährige Veronika begeht einen Selbstmordversuch mit Tabletten, an dem sie jedoch nicht stirbt. Sie wird in eine Psychiatrie gebracht und bekommt dort die Prognose, dass sie in Folge der Tablettenüberdosis sterben wird. Und dies in absehbarer Zeit. Ihre letzten Tage verbringt sie in der Klinik, dort lernt sie die schönen Seiten des Lebens sowie die Liebe kennen und erfährt immer mehr Dinge über ihr baldiges Ableben.

Meinung
Ich weiß noch, dass das Buch mich gefesselt und mich in irgendeiner Art und Weise berührt hat. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade an einer neuen Schule und stellte mir Eduard (der junge Mann, in den Veronika sich verliebt) wie einen Mitschüler vor. Beide hatten etwas sehr eigensinniges und künstlerisches an sich. Dieser Mitschüler verließ nach kurzer die Klasse schon wieder, weshalb ich sehr traurig war. Deshalb ist das Buch gefühlsmäßig mit ihm verbunden, obwohl er nichts damit zu tun hat. Ich weiß, dass ihm dieses Buch gefallen hätte, vielleicht hat er es ja auch mal gelesen, nachdem ich ihm sagte, dass er mich an Eduard erinnerte.
Wie dem auch sei. Trotzdem kann ich nicht von diesem Roman schwärmen. Er ist eben sehr kitschig und Coelho schreibt sehr salbungsvoll und alles wirkt gewollt. Coelho scheint immer mit aller Gewalt möglichst philosophisch-spirituelle Aussagen in einen Roman packen, sodass am Ende alles unauthentisch, belehrend, pseudo-weise und scheinheilig wirkt. Ich kaufe Coelho diese ganze Eso-Schiene nicht ab. Ich habe immer das Gefühl, er will krampfhaft etwas Tiefgründiges, weltbewegendes schreiben, um irgendwann den Nobelpreis für Literatur zu ergattern.
Die Charaktere in dem Buch, ihre Handlungsweisen aber auch die Umgebung, alles wirkt sehr konstruiert und kaum realistisch.
Die Geschichte wirkt aufgrund der Message, die schon von Anfang an heraus zu lesen ist, sehr vorhersehbar. Spannung ist kaum vorhanden. Trotzdem wurden die Emotionen gar nicht so schlecht transportiert. Einen Eindruck hat es bei mir ja hinterlassen.

Fazit

Belehrendes, pseudo-esoterisches Gesülze für Menschen, die auf Kitsch stehen.

2 von 5 Sternen



Dienstag, 7. Februar 2017

Zeige mir dein Bücherregal und ich sag dir, wer du bist!

Vor kurzem stieß ich auf einen interessanten Artikel einer Seite, die ich so sonst nicht aufsuche. Dass ich diesen Artikel fand, geschah auch eher zufällig. "Google ist dein Freund", sagt man ja so schön und Google bietet einem nicht nur das an, was macht sucht, sondern auch vielerlei Dinge, die man nicht sucht. Das kann mitunter ganz spannend sein und einen stundenlang ans Internet fesseln. Ist dies mit ein Grund, warum das Internet süchtig macht? Vom Suchen zur Sucht quasi?

In dem Artikel geht es darum, was die Bücher, die du gelesen hast, über dich und dein Leben verraten. Eine interessante Theorie. Doch wie nähert man sich den geheimnisvollen Fakten über sich selbst? 

Die Bücher, die du auswählst und vor allem die, die zu deinen Lieblingen werden, haben wahrscheinlich mindestens einen roten Faden, so die Autorin des Artikels. Es gibt bestimmte Thematiken, die du anziehst, die dir sympathisch erscheinen, die dein Herz jauchzen lassen. Wirst du dir erst einmal darüber bewusst, was für Themen deine Lieblingsbücher durchziehen, kannst du damit und dadurch an dir arbeiten. Welche Träume hast du? Was möchtest du in deinem Leben verwirklichen oder ändern? Was macht dich glücklich und was ist dir wichtig? 

Von der Lesebiographie zu dir selbst - Step by step
Wenn du alle gelesenen Bücher aufschreibst, an die du dich erinnern kannst, kannst du dir schon einmal verdeutlichen, zu welchen Genres zu den größten Hang hast, was ich schon mal ganz aussagekräftig finde. Lese ich viel Fantasy? Biographien? Kinderbücher oder doch erotische Literatur? Du weißt wahrscheinlich worauf ich hinaus will. Legst du diese Liste chronologisch an, kannst du sogar sehen, in welche Richtung du dich entwickelt hast und wie sich dein Geschmack verändert(e).

Passend dazu hat die Autorin des Artikels, Nicole Alps, Forscherfragen entworfen, die nur du für dich selber beantworten kannst. Ich wage mal den Striptease und beantworte meine Forschungsfragen ganz unverblümt hier und jetzt.

Welche Kategorie Bücher liest du aktuell am liebsten?
Klassiker und Belletristik

Welche Bücher haben dich in deinen Lebensphasen beeindruckt? Vorlesebücher? In deiner Grundschulzeit? Als Jugendlicher? Als junger Erwachsener? …
Jugend - Banana Yoshimoto, Harry Potter; Junge Erwachsene - Jack Kerouac, Hermann Hesse

An welches Buch denkst du immer wieder zurück?
Jack Kerouac - Unterwegs, Jack Kerouac - The town and the city, 

Welches Buch nimmst du zur Hand, wenn es dir schlecht geht?
Kein bestimmtes. Immer wieder ein neues. Es gibt viele Bücher, die darauf warten, gelesen zu werden.
Was würdest du einem Menschen schenken, der sich grad in einer Umbruchphase befindet?
Hermann Hesse - Steppenwolf
Was war dein schlimmstes Lese-Erlebnis?
Theodor Storm - Der Schimmelreiter, was wahrscheinlich weniger am Buch, sondern am Unterricht drumherum, lag, in dem ich das Buch lesen musste.

Der rote Faden
Vielleicht hast du schon im Kopf damit begonnen, die Bücher aufzuzählen, die du gelesen hast und vielleicht sogar, sind dir unwillkürlich Gemeinsamkeiten aufgefallen. Diese Themen sind deine Lebensthemen. Dinge, die sich nicht nur subtil in deinen Lieblingsbüchern, sondern auch in deinem eigenen Leben befinden und dein Leben wahrscheinlich auch (mit)bestimmen.

Mithilfe dieser Forschungsfragen kommst du "deinen" Themen vielleicht näher. Ich werde mal als gutes Beispiel voran gehen.

Welche Themen häufen sich in deinem Lese-Leben?
Unglückliche Liebe, Selbstfindung, Rastlosigkeit, Heimat(losigkeit), Einsamkeit
Welche Muster kannst du erkennen?
Protagonisten sind unglücklich verliebt oder trennen sich, Protagonisten reflektieren sich und ihre Umwelt stark und sind auf der Suche nach sich selbst und einem Platz in dieser Welt, Protagonisten sind viel unterwegs und wissen nicht, wo ihre Heimat ist, Protagonisten fühlen sich einsam 

Welche Bücher stoßen dich instinktiv ab? Erkennst du darin irgendeine Bedeutung?
Kitsch, Heile Welt. Die Bedeutung ist offensichtlich.
Welche Bücher ziehen dich besonders an? Erkennst du darin etwas Bedeutsames?
Bücher mit unglücklichen Protagonisten oder Hang zum Melancholischen.

Welche Bücher haben dein Leben maßgeblich beeinflusst?
Jack Kerouac - On the road

Was wünschst du dir?
Wenn du die Fragen, so wie ich es getan habe, für dich beantwortest, wird dir eventuell bewusst, was du dir im Leben wünschst und was für Sehnsüchte du hast, denn deine Interessen und literarischen Neigungen spiegeln dies offensichtlich wider. Hier wieder ein paar Forschungsfragen der Autorin, damit du genauer in dich hinein horchen kannst. So wie ich:

Welche Sehnsucht erkennst du in deinen Lieblingsbüchern?
Die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Freundschaften, Heimatgefühl, Fernweh, Zufriedenheit.

Welche Reiseziele verbergen sich in deiner Literatur-Auswahl?
Ich lese gerne amerikanische und japanische Literatur. Diese Länder möchte ich tatsächlich gerne bereisen. Mir war gar nicht bewusst, dass ich danach auch meine Lektüre ausgewählt habe.
Welche Interessen der Figuren aus deinen Büchern würdest du gerne einmal ausprobieren?
Mehr reisen, aufbrechen, freier sein.
Welche Typen von Menschen findest du in Büchern interessant und würdest du selbst gern verkörpern?
Freiheitsliebende Menschen, Menschen, die sich bewusst darüber sind, dass das Leben nicht eitel Sonnenschein ist

Welche Interessen oder Unternehmungen könntest du ausprobieren?
Reisen
Bei welchem Buch denkst du: Die Geschichte hätte ich gerne erlebt?
Jack Kerouac - On the road, Tino Hanekamp - So was von da
Durch solche Notizen kannst du auch herausfinden, welche Bücher du dir in Zukunft genauer anschauen solltest. In welchen Büchern geht es um die Themen, die du nun herausgefunden hast? Du kannst so wertvolle Lesezeit gewinnen und Flops vermeiden. Klasse, oder?

Fazit
Was habe ich jetzt über mich herausgefunden? Das, was ich heraus gefunden habe, war nun gar nicht so neu. Trotzdem ist es immer ganz interessant, solche Dinge schwarz auf weiß anstatt vage im Kopf zwischen tausend anderer Gedanken zu haben. Was ich nun über mich heraus gefunden habe, ist:

Ich lese gerne Bücher, in denen es (wenn auch implizit) um unglückliche Liebe, Selbstfindung, Rastlosigkeit, Heimat(losigkeit) und  Einsamkeit geht. Wenn dies ein Spiegel meiner Selbst ist, so bedeutet dies, dass sich nicht nur die Protagonisten meiner Lieblingsbücher, sondern auch ich mich nach Ruhe, Freundschaft, Liebe und Heimat(gefühl) sehne. Damit gehe ich konform. 
Weiß man erst einmal, was einem fehlt, kann man versuchen, daran zu arbeiten. Versuchen. Denn dies ist leichter gesagt als getan. Wenn ich mehr Geld habe, kann ich zumindest versuchen, mehr zu reisen. Reisen befriedigt das Fernweh und stillt vielleicht die Rastlosigkeit, wodurch man ein stärkeres Heimatgefühl bekommt und weiß, wo man zu Hause sein will. Dies ist doch ein Schritt in die richtige Richtung, oder?

Ich wünsche dir viel Spaß bei der Selbsterkundung!


Montag, 6. Februar 2017

Neuzugänge

Ich hatte mit mir selber eine Vereinbahrung getroffen, dass ich mir keine neuen Bücher kaufe, solange ich den SuB, der hier oben in der Wohnung ist, nicht weggelesen habe. Manchmal gibt es jedoch Ausnahmesituationen. 

Zu Weihnachten und zum Geburtstag bekam Gutscheine für die Hamburger Traditionsbuchhandlung "Heymann", die insgesamt einen Wert von ca. 25,00€ hatten, geschenkt. Ich freute mich natürlich sehr darüber, denn was gibt's besseres als einen Gutschein für eine Buchhandlung? 

Den einen Tag schlenderte ich durch den Laden und dachte, nichts zu finden. Ich überlegte schon, im Internet zu bestellen und in die Filiale liefern zu lassen, da vieles, was meinen Leseneigungen entspricht, nicht im Buchhandel zu finden ist. Beim zweiten Besuch wurde ich jedoch fündig und fand zwei Bücher, die auf meinem Wunschzettel standen.


"Spinner" von Benedict Wells und "Oona & Salinger" von Frédéric Beigbeder. Ich blätterte kurz in beiden Büchern, schlug eine zufällige Seite auf und las in beiden jeweils eine Szene, in der ein Händedruck oder Händeschütteln beschrieben wurde. Das fand ich ganz schön interessant und merkwürdig.
Glücklich nahm ich die beiden Bücher mit und hatte noch ca. 3€ auf den Gutscheinen übrig, sodass ich mir aus der Mängelexemplarkiste "Durst ist schlimmer als Heimweh" von Lucy Fricke mitnahm. Von dieser Autorin hatte ich bisher noch nichts gehört. Sie kommt aber, wie ich, aus Hamburg und scheint in der Schriftsteller-Szene ganz bekannt und aktiv zu sein. 

Ein weiterer Neuzugang kam heute dazu. Wegen der Post- und Grußkarten ging ich wieder zu Heymann und konnte nicht an der Mängelexemplarkiste vorbei gehen. Viele Bücher aus dem diogenes-Verlag waren dabei, so auch ein Buch, was ich auf der Wunschliste stehen hatte: "Becks letzter Sommer" von Benedict Wells. Ja, wieder ein Wells. Ich glaube, dass mir seine Romane sehr gefallen werden.




Sonntag, 5. Februar 2017

[Rezension] Wladimir Kaminer - Russendisko


Ich liebe es ja, Hypes und Trends zu erforschen. Ich finde es spannend, mir Filme anzuschauen oder Bücher zu lesen, um die ein großer Wirbel gemacht wird, um entweder zu entlarven, dass dieser Hype nur ein Produkt einer erfolgreichen Marketingstrategie ist oder um festzustellen, dass der Wirbel um dieses Werk tatsächlich eine Berechtigung besitzt, weil die Geschichte spannend ist, eine tolle Aussage drin steckt oder die Welt aufgrund einer künstlerischen Innovation überrascht. Ganz oft, wenn ich versuche, hinter einen solchen Hype zu kommen, bin ich nach dem Lesen oder Rezipieren ganz ernüchtert. "Das soll's jetzt gewesen sein?", frage ich mich dann, so, wie ich es mich bei diesem Buch fragte.

Inhalt und Meinung
"Russendisko" war nicht mein erster Kaminer. Vor einigen Jahren hatte ich "Ich mache mir sorgen, Mama" gelesen. Ebenfalls wie "Russendisko" eine Sammlung von Anekdoten rund um das multikulturelle Leben eines in Deutschland lebenden Russen. "Ich mache mir Sorgen, Mama" hatte mir ganz gut gefallen, in dem Sinne, dass seine Anekdoten ganz lustig waren und ich den trockenen russischen Humor gut herauslesen konnte. Außerdem teilte Kaminer einem dort etwas über die russische Sichtweise auf Deutschland und seine Sprache mit, was ich immer ganz interessant finde.
Das habe ich bei "Russendisko" etwas vermisst. Ich hatte mir erhofft, dass Kaminer von seinem wilden, interessanten Leben als Einwanderer in Berlin erzählt, dass man etwas über die Kultur russischer Einwanderer erfährt und darüber, wie sie das Leben hier empfinden. Jedoch waren die Anekdoten in "Russendisko" sehr unpersönlich und meist auch gar nicht so witzig, wie Verlag und co. dies behaupteten. Stellenweise habe ich mich sehr gelangweilt. Ich hatte am Ende nichts erfahren. Nicht über den Autor, nichts über Kulturen, nichts über das Einwandern zu dieser Zeit an sich, nichts über Berlin, dass Anfang der 90er Jahre eine spannende Zeit und einen Wandel durchmachte.
Die Anekdoten, die Kaminer erzählte, waren recht zusammenhanglos und schienen mir nicht chronologisch angeordnet gewesen zu sein und das wäre doch das mindeste, wenn sie schon zusammenhanglos in diesem Buch vereint sind? Wo ist die sogenannte Russendisko? Ja, es gibt eine kleine Geschichte über die sogenannte Russendisko, die sie unter sich mal veranstaltet haben, aber ich dachte, das ganze Buch drehe sich darum, dass etwas innovatives, lustiges, verrücktes im wilden Berlin auf die Beine gestellt wurde, woran man sich heute noch gerne erinnert? Nichts dergleichen.

Fazit
Das Buch mag für Wenigleser geeignet sein. Für Menschen, die höchtstens im Mallorca-Urlaub oder im Wartezimmer beim Arzt ein unkompliziertes Buch lesen wollen, um Zeit totzuschlagen. Für mich und meine Ansprüche war es aber nichts.

2 Sterne


Mittwoch, 1. Februar 2017

[Rezension] Theodor Fontane - Effi Briest


„Effi Briest“ kannte ich bereits als Verfilmung von 2009. Ich mochte die Geschichte sehr gerne. Allgemein bin ich für Ehebruchgeschichten aus dem 18. bis 19. Jahrhundert immer zu haben. Deshalb musste ich auch den Roman lesen. Es musste sowieso mal wieder ein Klassiker sein. Den Roman hatte ich, in Form einer 80er-Reclam-Ausgabe, schon einige Jahre hier liegen. Ich hatte das Buch mal aus der Schule mitgenommen, wo ein Karton mit aussortierten Büchern herumstand. Der Griff hatte sich gelohnt.

Inhalt
Effi ist 17 Jahre alt, als der 38-Jährige Baron von Innstetten um ihre Hand anhält. Mehr oder weniger auf Drängen ihrer Eltern heiratet sie ihn und zieht mit ihm in seine Heimat Kessin in Hinterpommern. Bereits als ledige junge Frau war ihre größte Angst die Langeweile und diese ist es auch, warum sie in ihrer neuen Heimat nie richtig glücklich wird. Effi sehnt sich nach ihrer Familie und ihren Jugendfreundinnen, sie fühlt sich alleine und sucht „Zerstreuung“: „Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung - ja, Zerstreuung, immer was neues, immer was, dass ich lachen oder weinen muss“. Hinzu kommt, dass sie sich in dem Haus fürchtet. Ihrer Meinung nach spukt es in dem Haus, was ihre Bedienstete auch bestätigt. Einzig ihr Hund Rollo und ein guter Freund ihres Mannes Alonzo Gieshübler können sie ablenken. Mit ihrem Hund unternimmt sie Spaziergänge und der Familienfreund lenkt sie mit kleinen Aufmerksamkeiten ab.

9 Monate nach der Hochzeit wird Annie geboren. Roswitha, eine Frau, die Effi beim Spaziergang kennen lernt, wird das Kindermädchen und etwa zeitgleich tritt auch der Major von Crampas in Kessin auf, ein gutaussehender Lebemann, der mit Geert Innstetten zur selben Zeit beim Militär war. Er ist selber nicht allzu glücklich verheiratet und umso charmanter zu anderen Frauen, vor allem Effi.
Es kommt irgendwann zu einer Affäre zwischen Crampas und Effi, was ihr Gewissen plagt. Jedoch schafft sie es nicht von alleine, diese Situation zu beenden.
Regelrecht dankbar ist sie, als Innstetten verkündet, dass sie nach Berlin umziehen werden, um eine Stelle im Ministerium anzunehmen.

Einige Jahre später, als Effi auf Kur ist, entdeckt Innstetten Briefe und ihr und Crampas aus der sündigen Zeit. Er reicht die Scheidung ein und fordert Crampas zum Duell auf, wobei er ihn erschießt. Effi wird von ihren Eltern verstoßen, erhält lediglich finanzielle Unterstützung von ihnen und wird von ihrer Tochter Annie getrennt, da diese beim Vater bleibt. Effi wird von Tag zu Tag unglücklicher in ihrer neuen Lebenssitutation, bis es sich scheinbar zum Besseren wendet…

Meine Meinung
Ich habe nun fast einen ganzen Monat mit Effi und ihrer Geschichte verbracht und fand mehrere Dinge recht interessant.
Spannend ist, dass dieser Roman durch und durch preußisch ist. Er stellt preußische Sitten und das Wesen der Preußen dar. Effis Mann Innstetten ist  preußisch bis aufs Blut: Er hält sich an Regeln und Prinzipien, ist im Großen und Ganzen ein ernster Mann und verpflichtet sich der Karriere. „Was man empfängt, hat man auch verdient.“
Auch Fontanes Sprache ist passend dazu preußisch-steif, ein wenig geschwollen. Trotzdem fiel es mir leicht, über die Zeilen zu fliegen.

„Effi Briest“ war einer der ersten deutschen Gesellschaftsromane und ist meiner Meinung nach ein interessantes Zeugnis einer Zeit, in der Frauen dem Manne untergeordnet waren und in der Prinzipien galten, die heute undenkbar wären. Der Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann erschien kurz nach „Effi Briest“ und es lassen sich einige Parallelen feststellen: Effi scheint Tony Buddenbrooks literarische Schwester zu sein. Beide sind sie wenig damenhaft, sie lieben es, unterhalten zu werden und sind von Haus aus recht verwöhnt. Sie verlieren sich schnell in Träumereien und erwischen Ehemänner, bei denen sie sich langweilen und/oder unglücklich sind. Der Name „Buddenbrooks“ scheint auch vom Roman „Effi Briest“ inspiriert zu sein, da dort eine Person namens Buddenbrook auftaucht.
Die Prinzipienreiterei ist eines der größten Motive in diesem Roman, wenn nicht sogar das größte. Man meine, es ginge um Ehebruch, aber viel mehr dient dieser dazu, gesellschaftliche Umstände, in einer tragischen Geschichte verpackt, zu beschreiben. Denn alle möglichen Personen halten sich an Prinzipien und Konventionen, von denen sie eigentlich gar nicht viel halten: Innstetten fordert Crampas zum Duell auf und trennt sich von seiner Frau, um seine Ehre wieder herzustellen. Er weiß jedoch selber, dass dieses Ritual altmodisch ist und er hätte vermeiden können. Auch die Scheidung hätte er sich am liebsten gespart. Effi hätte er verzeihen können, die Affäre ging ihm nicht so nah, wie er anfangs dachte, auch bemerkt er, nach einigen Jahren, dass es ihm nach der Scheidung schlechter geht, als vorher. Trotzdem entscheidet er sich so, um sein Gesicht in der Gesellschaft zu wahren.
Effis Eltern handeln ähnlich, indem sie sie verstoßen. Effi hat bei ihren Eltern kein zu Hause mehr, weil diese, wie ihr Ehemann, ihr Gesicht in der Gesellschaft wahren wollen.

Wie der Autor tabubeladene Dinge thematisiert, zeigt, in was für einer Gesellschaft er sich befand, als er seinen Roman schrieb. Vieles in dieser Geschichte wird umschrieben, Dinge geschehen subtil. Explizit wird nur ein Kuss zwischen Effi und Crampas genannt. Die Affäre als solches, die ständigen Treffen, sind während des Großteils des Romans kaum ersichtlich. Ich dachte beim Lesen zuerst, dass Effi und Crampas sich nur geküsst hätten, dass sie deshalb ein schlechtes Gewissen hatte, was vor allem zu dieser Zeit ja durchaus ausreichend war. Erst als Innstetten ihre Briefe fand, wurde mir bewusst, dass Effi eine richtige Affäre gehabt hatte. Ich lebte fast in derselben Unklarheit wie ihr Mann. Selbst Effis Schwangerschaft, die legal durch die Ehe zustande kam, wurde nicht explizit ausgesprochen, sondern poetisch verklärt und dem Leser nicht direkt auf die Nase gebunden.

Im Sinne der Literaturepoche des Realismus werden Umstände und Ereignisse von Theodor Fontane erzählt, jedoch nicht bewertet. Als Autor tritt er da einen Schritt zurück, er scheint in den Hintergrund getreten zu sein, um den Leser entscheiden zu lassen, was er für (moralisch) richtig oder falsch empfindet. Denn oftmals stößt der Leser auf Situationen, die die moralische Bewertung fordern.

Dieser Roman hat jedenfalls Lust auf mehr gemacht und ich bin geneigt, weitere Ehebruchklassiker wie „Madame Bovary“ oder „Anna Karenina“ eines Tages zu lesen.

Fazit: Ein vor allem sprachlich aber auch historisch wertvoller Roman über eine Kind gebliebene Frau, die sich nach nichts mehr sehnt als Zerstreuung und Leidenschaft.



4 von 5 Sternen