Montag, 30. Januar 2017

Ich kann's nicht mehr sehen! [Ragepost]

Meine Leseliste, das ganze Internet sieht aus meiner Perspektive momentan in etwa so aus:


Gibt's keine anderen Bücher mehr? Ich habe wirklich genug von dieser Fratze und den Buchbesprechungen dazu. "Ein wenig Leben" - Ja, um Gottes Willen! Umwerfend! Klasse! Toll! Wir haben's alle verstanden. 

Die Renaissancen der Popliteratur

Die 90er Jahre feiern gerade ein Revival. Viele modische Elemente dieser Zeit kommen zurück, man sieht junge Menschen mit Tattoo- und Samthalsbändern um den Hals, Bomberjacken, Adidas Super Stars an den Füßen. Musikvideoproduzenten imitieren den Stil dieser Zeit; digitale Aufnahmen werden so bearbeitet, dass sie an Glätte und Schärfe verlieren und an Aufnahmen von vor 20 Jahren erinnern. Die Kinder spielen wieder Pokémon und erfreuen sich über Pikachu-Kuscheltiere, so wie es schon Kinder in den 90er Jahren taten. Die 90er Jahre sind nicht mehr nur eine vergangene Zeit, ihre Produkte, ihr Zeitgeist werden mittlerweile, mit dem nötigen zeitlichen Abstand, als Stil- und Ausdrucksformen wahrgenommen, die es wert sind, wieder aufleben zu lassen. Die 90er Jahre sind nicht einfach nur noch trashig, verrückt und bunt. Sie sind nun vor allem eines: Eine letzte Zeit, in der junge Menschen ohne dauerhafte Internetbeschallung zurechtkamen, sich immer wieder neu erfanden und für Dinge (ein)standen, indem sie sich Subkulturen zuwanden. 

Dieses Lebensgefühl  hielten Vertreter ihrer Generation fest in Romanen, die zur sogenannten Popliteratur gezählt wird. Popliteratur zeichnet sich meistens dadurch aus, dass Bezug genommen wird auf die Massenmedien: Musik, Fernsehen, Werbung, Internet und Kino. Es findet ein Bruch mit der Hochkultur und ästhetischen Normen statt. Andererseits ist ein hohes Maß an Selbstinszenierung (sei es als Autor, als Künstler, als Subkultur oder als Generation) erkennbar. Konsumgüter werden fetischisiert aber auch hinterfragt. 
Meist junge Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Rainald Goetz oder Thomas Meinecke veröffentlichten Ende der 90er Jahre die Romane ihrer Zeit und lösten damit eine Rennaissance der Popliteratur aus.

Dieser Hype wird, wie jeder Trend, nach einigen Jahren abgeebbt sein. Die Leserschaft wurde älter, widmete sich wahrscheinlich der Belletristik des diogenes-Verlag und vor allem war die Luft der Selbstreflexion erst einmal raus. Die jungen Menschen der 90er hatten sich und ihre Zeit reflektiert: Techno, Drogen, HipHop, Wende, Grunge, Kriege, Jahrtausendwechsel und technischer Fortschritt waren die Dinge, die die jungen Menschen damals beschäftigten. Mit den 2000ern wuchs eine ernüchterte Generation nach, eine orientierungslose Generation, die mehr oder weniger mit Wohlstand aufgewachsen ist, die in einem hohen Maße akademisiert ist, die sich fast völlig von Subkulturen entfernt und überall dort feiert, wo es Spaß macht. Sei es auf Festivals, Techno-Partys, Rock-Konzerten, Hiphop- und Poetry-Slams oder Holi-Veranstaltungen. Hauptsache bunt, laut und medial herzeigbar. Facebook und andere soziale Netzwerke spielen eine Rolle. Selbstinszenierung ist das Stichwort. Digitale Fotoalben mit Fotos vom Australien-Trip, Selfies, auf denen jeder sein bestmöglichstes Selbst darstellt oder wilde, alternative Festivals, die zeigen: "Guck mal, ich hab was erlebt!". Virtuelle Steckbriefe, die besagen, wie kulturell gebildet man ist: Tarantino-Filme, Coelho-Romane und Bon Iver. Eine Generation, die sich nicht nur musikalisch nicht festlegen will, sondern auch politisch nicht, eine Generation von Nichtwählern, von Menschen, denen der Aktionismus fehlt. Menschen, denen es scheinbar zu gut geht, um etwas ändern zu wollen. Die Berufswahl spielt ebenfalls eine große Rolle. "Mach dein Abitur, dann wird auch 'was aus dir!" tönt es aus dem ganz gut situierten Elternhaus. Sie alle machen Abitur, sodass es letztlich an Wert verliert und überlegen verzweifelt, was aus ihnen werden könnte. Künstler muss man sein, Schauspieler, Kommunikationsdesigner oder Schriftsteller. Etwas aufregendes, vielleicht sogar ein Start Up-Unternehmen gründen, vielleicht eine App entwickeln und damit reich werden. Bloß nicht wie Muddi und Vaddi dreißig Jahre lang in derselben Firma arbeiten und dabei starren Hierarchien unterliegen. Aber erst einmal in einer fremden Stadt Germanistik studieren oder Kulturwissenschaften oder Soziologie.  Eine neue Stadt, ein neues Land, irgendwohin, wo Action ist. Beziehungen, Ehe und Familienplanung wird in die dunkle Zukunft geschoben, man ist noch zu sehr Peter Pan, um sich auf Erwachsenendinge festzulegen. Auch mit Ende zwanzig. Die neue Generation bricht ab und negiert. Sie probiert sich aus und weiß, was sie nicht will. Was sie aber will, das ist ihr unklar. 

Doch sie wird sich ihrer selbst bewusst. Die Jugend ist wieder in der Lage, zu reflektieren, all diese Elemente ihrer Generation kann sie bereits kritisch hinterfragen, auch wenn sie noch mitten drin steckt. Sie verarbeitet dies in Popliteratur. Ja, sie ist wieder da. Popliteratur-Rennaissance 2.0.

Die Popliteraten unserer Zeit, die den Menschen, die zwischen Adoleszenz und Familiengründung stehen, eine Stimme geben, sind vermehrt in den Bücherregalen, auf Blogs und auf Bestseller-Listen zu finden. Hier mal eine kleine Auswahl. (Beschreibungen von Amazon)

Julia Zange - Realitätsgewitter 



"Marlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst."


Benjamin von Stuckrad-Barre - Panikherz




"Abschied von der Nacht: Benjamin von Stuckrad-Barres Comeback.
Er wollte genau da rein: zu den Helden, in die rauschhaften Nächte – dahin, wo die Musik spielt. Erst hinter und dann auf die Bühne. Unglaublich schnell kam er an, stürzte sich hinein und ging darin fast verloren. Udo Lindenbergs rebellische Märchenlieder prägten und verführten ihn, doch Udo selbst wird Freund und später Retter. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt eine Geschichte, wie man sie sich nicht ausdenken kann: Er wollte den Rockstar-Taumel und das Rockstar-Leben, bekam beides und folgerichtig auch den Rockstar-Absturz. Früher Ruhm, Realitätsverlust, Drogenabhängigkeit. Und nun eine Selbstfindung am dafür unwahrscheinlichsten Ort – im mythenumrankten »Chateau Marmont« in Hollywood, in das ihn Udo führte. Was als Rückzug und Klausur geplant war, erweist sich als Rückkehr ins Schreiben und in ein Leben als Roman. Drumherum tobt der Rausch, der Erzähler bleibt diesmal nüchtern. Schreibend erinnert er sich an seine Träume und Helden – und trifft viele von ihnen wieder. Mit Bret Easton Ellis inspiziert er einen Duschvorhang, er begegnet Westernhagen beim Arzt und Courtney Love in der Raucherecke und geht mit Thomas Gottschalk zum Konzert von Brian Wilson. Andere sind tot und werden doch gegenwärtig, Kurt Cobain, Helmut Dietl. 

Stuckrad-Barre erzählt mit seiner eigenen Geschichte zugleich die Geschichte der Popkultur der letzten 20 Jahre. »Panikherz« ist eine Reise in die Nacht, eine Suche nach Wahrheit, eine Rückkehr aus dem Nebel."

Ronja von Rönne - Wir kommen




"I
n Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord."



Stefanie Sargnagel - In der Zukunft sind wir alle tot



"Lässig, derb und immer sehr alltagsweise schreibt Stefanie Sargnagel seit vielen Jahren über das einfache Leben. Mittlerweile hat die Wiener Autorin und Künstlerin mit ihren Büchern, Artikeln und Posts Kult-Status erreicht. Ungeachtet dessen nimmt sie in ihrer Kritik an jeglichem rechten Gedankengut kein Blatt vor den Mund, ätzt gegen die FPÖ, gegen Patriarchate, steht aktiv für die Flüchtlingshilfe ein. Die Wiener Zeitung lobte, wie sie inklusive Fäkalhumor und Versagensexhibitionismus die aktuelle Leistungsgesellschaft konterkariere. „Mein Lebensstil erschließt sich halt aus einer Mischung aus Unfähigkeit, Unentschlossenheit, Gleichgültigkeit und Verweigerung, ich bin die personifizierte Wohlstandsverwahrlosung“, schrieb sie in einem Vice-Artikel. „Hellsichtige Miniaturen.“ (Elisabeth Dietz, Bücher-Magazin) „Ihre Alltagsbeobachtungen, Aphorismen und Adoleszenz-Raps treffen einen Nerv.“ (taz) „Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie mit Ausnahme von Rainald Goetz und seinem Online-Tagebuch Abfall für alle die erste deutschsprachige Autorin ist, die im Netz die Form für sich gefunden hat, die passt, die nicht nervt, die als Literatur funktioniert.“ (Süddeutsche Zeitung)"


Alexandra Kleeman - A wie B und C



"A ist eine attraktive junge Frau. B ist ihre Mitbewohnerin, die um jeden Preis so aussehen möchte wie A. C ist As Freund und schaut mit ihr am liebsten Haifisch-Dokumentationen oder Pornos. Als A eines Tages verschwindet, ahnen B und C nicht, dass sie sie womöglich nie wiedersehen werden. A wie B und C erzählt mit scharfem Blick und hintergründigem Humor von unserer Obsession, perfekt zu sein: wie Realityshows, Werbung und abstruse Trends uns in Beschlag nehmen und zu Leibeigenen unserer Körper machen."


Wolfgang Herrndorf - In Plüschgewittern






"Dies ist die Geschichte eines Mannes um die dreißig, der auf dem Weg aus der westdeutschen Provinz in die Szenequartiere der Hauptstadt wenig tut, aber viel mitmacht. Der seine Umwelt beobachtet, sie mitleidlos kommentiert und im Übrigen an sich und der Welt leidet. So einer passt nach Berlin, denn Berlin heißt: Endloses Gerede, viel Durst, vager Durchblick, kein Plan. Keine Arbeit sowieso, dafür ab und zu Altbau-Partys, bei denen auch schon mal jemand vom Dach fällt. Doch dann widerfährt unserem Helden ein Miss­geschick: Er verliebt sich."




Benedict Wells - Spinner






"

»


Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.« 

Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen."



Die 90er Jahre feiern ein Revival. Und so tut es auch die Popliteratur. Die jungen Menschen von heute haben auf ihre literarischen Vorgänger zurückgeblickt, sie haben den Sinn und Wert darin erkannt, dem eigenen Lebensgefühl eine Stimme zu geben. Sie sind nun bereit, auf ihr eigenes Leben zurück zu blicken und ihrer Stimme Raum zu geben.



Quellen: 

Mittwoch, 25. Januar 2017

Laberpost zu: Mein Blind Date mit dem Leben

Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, dass ab morgen (26.01.17) ein neuer deutscher Film in den Kinos anläuft: "Mein Blind Date mit dem Leben". Kostja Ullmann, Anna Maria Mühe und Nilam Farooq sind darin zu sehen.


Dazu habe ich eine ganz interessante Vorgeschichte und die trug sich folgendermaßen zu: Vor ein paar Jahren war meine beste Freundin für einige Wochen in einer Schule, in der berufliche Weiterbildungen statt finden. Dort hatte sie einen sehbehinderten Dozenten namens Saliya Kahawatte. Sie erzählte mir des öfteren von ihm, was für ein cooler, lockerer Dozent er sei, der immer interessante Geschichten aus seinem Leben parat hatte. Sie erzählte mir außerdem, dass er ein Buch geschrieben hatte: "Mein Blind Date mit dem Leben". Ein paar Jahre später schenkte ich ihr es zum Geburtstag. Ich hatte es selber nicht gelesen. Vor ein paar Tagen sah ich dann die Premierenbilder von Nilam Farooq zu diesem Film und wunderte mich, warum mir der Titel so bekannt vorkam. Ich dachte mir aber nichts dabei und dachte es sei ein weiterer deutsche Liebesfilm à la Schweighöfer. Und dann, gestern Abend, schrieb mich meine beste Freundin an, dass das Buch von Herrn Kahawatte verfilmt wurde und bald im Kino zu sehen ist. "Ach daher kannte ich den Titel des Films!", dachte ich. Mannomann! Die Welt ist ja so klein! Und toll, dass sein Buch zu einem so "großen" Film gemacht wurde. Ich gönne es ihm von Herzen, auch, wenn ich Herrn Kahawatte nur von Erzählungen her kenne. 


Sonntag, 15. Januar 2017

Der Friedhof der abgebrochenen Bücher. Teil 2: Thilo Corzilius - Ravinia




"Was wäre, wenn dich ein einziger Schlüssel überallhin bringen könnte? An ihrem sechzehnten Geburtstag erhält Lara einen Schlüssel, der sie in die Victoria Street in Edinburgh führt – egal, durch welche Tür sie tritt. Bald merkt das junge Mädchen, dass der Schlüssel auch das Tor in eine andere Welt öffnet: In der Stadt Ravinia, in der magisch talentierte Wesen ebenso wie Traumtänzer zu Hause sind, lernt Lara ihre Vergangenheit kennen und erfährt dabei von einer mysteriösen Verschwörung. Sie selbst muss über das Schicksal Ravinias entscheiden. Gemeinsam mit Tom Truska, dem geheimnisvollen Schlüsselmachergesellen, und dem Amerikaner Lee versucht Lara Ravinia zu retten." (Piper-Homepage)


Klingt soweit vielversprechend. Jedoch gab es viele, meiner Meinung nach, Minuspunkte, die es mir erschwerten, dieses Buch bis zum Ende zu lesen.

Der Autor Thilo Corzilius hat einen recht poetischen Schreibstil. Mit einem solchen kann man viele Geschichten aufwerten oder man kann sie irgendwann ins Lächerliche reißen. Letzteres hat er meiner Meinung nach vollbracht. Metaphern und Vergleiche sind schön und gut, wenn sie nicht irgendwann zu viel werden oder übertrieben sind. Dies wirkte teilweise gewollt und krampfhaft. 

Seine Protagonistin Lara wirkte nicht authentisch. Ich konnte mich nicht mit ihr identifizieren. Sie wirkte übertrieben cool auf mich und eben zu konstruiert. Das fällt mir des Öfteren auf, wenn männliche Autoren weibliche Protagonistinnen kreieren. 

Die Handlung hat durchaus Potenzial, kam aber leider nur schwer ins Rollen. Den Spannungsbogen zu erreichen fühlte sich so an, als führe ich mit einem klapprigen Fahrrad ohne Gangschaltung einen Berg hinauf.
Für viele (Jugend)-Fantasy-Fans und -Vielleser mag dieser Titel bestimmt sehr ansprechend sein. Ich habe mich aber schwer hinein gefunden und fand mich teilweise auch zu "alt" dafür. Und ja, ich bin mir dessen bewusst, dass es für (Jugend)Fantasy kein bestimmtes Alter gibt und im Herzen bleiben wir alle jung und so weiter und so fort. Aber hier habe ich festgestellt: Jugendfantasy ist vielleicht einfach nichts mehr für mich. Und wenn, dann muss es mich schon umhauen. Mit Spannungsbögen, tiefgründigen Charakteren, Verstrickungen, Geheimnissen und ganz viel Logik, die sich nach und nach ergibt. Wie bei Harry Potter eben.

Auch bei diesem Buch war ich relativ schnell dabei, ein Urteil zu fällen und brach es nach etwa der Hälfte ab.


Mittwoch, 11. Januar 2017

[Rezension] Joyce Johnson - Warten auf Kerouac


Seit fast 10 Jahren interessiere ich mich für die Werke von Jack Kerouac, einem Schriftsteller, der zur sogenannten Beat Generation gezählt wird. Die Schriftsteller und Dichter der Beat Generation schrieben und veröffentlichen in den 50er Jahren in den USA. Untereinander kannten sie sich größtenteils. Sie wohnten hauptsächlich in New York und San Francisco oder waren sogar rastlos, ständig unterwegs. Sie gelten als erste Vertreter der Popliteratur. 
Durch Kerouacs autobiografische Romane hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihn und sein Leben kenne. Ich liebe seinen Schreibstil und seine Romane wecken eine große Sehnsucht in mir. Interessant ist es deshalb für mich, das alles aus der Perspektive einer seiner (quasi unzähligen) Frauen zu lesen und zu erfahren, wie sie ihn als Mensch erlebt hat. Jedoch ist ihr Werk mehr als ein Warten auf Kerouac. Es geht viel um sie selbst, um ihr Leben und dieses Buch ist ein Zeugnis der amerikanischen 50er Jahre.

Inhalt
Auf ca. 312 Seiten erzählt die 1935 geborene Joyce Johnson von ihrer Jugend und ihrem jungen Erwachsenenalter. Sie erzählt, wie sie zur Enttäuschung ihrer Mutter das Komponieren aufgibt, wie sie und ihre Freundin in die Untergrund-Szene New Yorks kommen, wie sie letztendlich studieren, ein unabhängiges Leben als ledige Frau in eigenen Wohnungen führen und die Poeten der Beat Genereation kennen lernen. Der Leser wird dabei nicht nur mit ihrer persönlichen "Kerouac"-Geschichte vertraut, sondern erfährt, wie schwer es Frauen in den 50er Jahren noch hatten und wie diese Frauen so langsam Veränderungen ins Rollen brachten. Dabei geht es um Abtreibungen, eigenen Wohnraum, Beschäftigungsverhältnisse, Kleiderordnungen und die Tatsache, dass selbst in der offenen, anders denkenden Beat Generation die Frauen meist nur Nebenfiguren - Minor Characters - waren. 

Meine Meinung
Man merkt sofort, dass Joyce Johnson ebenfalls eine Vertreterin der Beat Literatur ist und von ihrer "Generation" stilistisch inspiriert wurde. Ihr Stil ist unkompliziert und doch geschmückt. Sie fügt Wörter zusammen, um dabei ein neues zu kreieren, manchmal verpackt sie ihren Inhalt in ein kleines Kunstwerk von Worten, sodass dieser nur zwischen den Zeilen zu lesen ist. Ein anderes Mal wiederum sind ihre Sätze kurz und klar.
Was mich jedoch verwirrte, waren ihre scheinbaren Gedankensprünge, die das Lesen manchmal etwas unflüssig machten. 
Ihre Geschichte fand ich -unabhängig von ihrer 2jährigen Beziehung mit Jack Kerouac- sehr interessant. Menschen und ihre Geschichten, die in Zeiten wie den 50er Jahren gegen den Strom schwammen, interessieren mich sehr. Was sieht man doch bloß ständig die Bilder von glücklichen beschürzten amerikanischen Hausfrauen, die Tupperware sammeln und Rezeptideen aus Frauenzeitschriften ausschneiden. Man hört von Teenagern und jungen Leuten, die Rock'n'Roll tanzten. Jedoch wird einem kaum etwas anderes aus dieser Zeit über- und vermittelt. Es gab Menschen, die mit Drogen experimentierten, die Marihuana rauchten, ständig quer durch Amerika reisten, es gab Homosexuelle die ihre Partner oder bezahlbare Jungs liebten, es gab dunkle verqualmte Kneipen und Bars, in denen Jazz gespielt wurde, es gab Menschen, die das Leben, was die Werbung und die Gesellschaft propagierte, ablehnten und hinterfragten. All dies wird in Joyce Johnsons Roman deutlich.
Außerdem kommt ans Licht, was ich mir schon beim Lesen von Kerouacs Romanen dachte: Er ist beziehungsunfähig, er scheint nicht lieben zu können, er konsumiert Frauen wie andere Konsumgüter und vor allem nutzte er sie scheinbar aus. Er nutzte sie aus, wenn er einsam war, wenn er ein Dach über dem Kopf brauchte, wenn er einfach nur Körperlichkeiten oder ein Verbindungsglied zu seinem Freundeskreis suchte. Dies war teilweise sehr unangenehm zu lesen. Joyce Johnson muss bestimmt unglücklich gewesen sein, in der Beziehung, in der Kerouac mit ihr diese On-Off-Spielchen trieb und sich meist nur meldete, wenn er etwas brauchte. 
Interessanterweise beschreibt sie auch seinen Umgang mit dem Ruhm. In der Zeit, als sie mit ihm eine Beziehung hatte, wurde er gerade berühmt. In ihrem Roman kann man erahnen, wohin ihn sein Ruhm führt.

Fazit
Ein interessanter, schnell gelesener Zeitzeugenbericht über die 50er Jahre und die Beat Generation.

3 von 5 Sternen

Samstag, 7. Januar 2017

Der Friedhof der abgebrochenen Bücher. Teil 1: George R. R. Martin - Die Flamme erlischt


Vor einiger Zeit hatte ich das Bedürfnis, einen Science-Fiction-Roman zu lesen. Ich muss dazu sagen, ich liebe Star Wars und von gut konstruierten, glaubhaften fremden Welten, lasse ich mich gerne in ihren Bann ziehen. 
Also ließ ich mir von einer Freundin einen Roman empfehlen - sie kennt sich etwas besser im Fantasy- und Sci-Fi-Bereich aus als ich.
Meine Freundin teilte mir mit, dass es etwas dauert, bis die Handlung so richtig ins Rollen kommt, dann werde es aber sehr gut.

Ich las und las und las und ich hatte das Gefühl, ich kämpfte mit den Zeilen. Die Heranführung war für mich sehr trocken. Mit dem Protagonisten baute ich keine Beziehung auf. Trotzdem wollte ich dem Buch eine Chance geben und wartete auf Spannung. 

Nach der Hälfte des Buches wurde mir alles zu viel. Ich konnte mich einfach nicht anfreunden. Die Handlungen der Charaktere und ihre Entscheidungen waren teilweise nicht plausibel, die Namen für Personen, Dinge, Welten, Planeten wurden mir nach und nach zu viel und alles wirkte doch nicht realistisch für mich. Und ja, auch wenn Sci-Fi keinen Realismusanspruch hat, so muss die Welt, die Gesellschaft, die Technik, die in einem solchen Roman vorgestellt wird, doch irgendwie nachvollziehbar sein und innerhalb meiner Vorstellungskraft liegen. 

Im Großen und Ganzen wirkte der Roman für mich so, als hätte der Autor  auf Deubel komm raus mehrere Elemente zusammen geworfen, um einen neuen Roman für den Verleger fertig zu stellen. Man nehme einen kühlen Helden, fliegende Fortbewegungsmöglichkeiten, eine Jugendliebe, die gerettet werden muss, fremde Planeten und eine dystopisch anmutende Gesellschaft. Das war mir etwas zu viel. Desweiteren konnte ich mit dem sprachlichen Ausdruck nicht so viel anfangen. Sein Stil wirkte manchmal etwas lieblos, als sei er selber gar nicht mit seiner eigenen Story verbunden. Er erzählte viel zu sehr am Thema vorbei als auf den Höhepunkt hin.

So begab es sich also, dass ich das Buch abbrechen und meine Zeit für etwas anderes nutzen musste.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Gute Vorsätze fürs neue Jahr

Um ein wenig mehr zu lesen und um meinen SuB abzubauen, habe ich mir gestern eine Leseliste erstellt. Diese soll dabei helfen, mich anzuspornen, mehr zu lesen und vor allem, erst einmal das zu lesen, was noch da ist. Sollte eines der Bücher auf dem SuB mir nicht gefallen, werde ich es natürlich beenden, aber ich möchte schon versuchen, diese Liste abzuarbeiten. Dabei habe ich mir selber die Regel auferlegt, keine neuen Bücher zu kaufen, bevor das nicht erledigt ist. Denn einerseits möchte ich ein wenig Platz schaffen für neues, andererseits aber eben auch endlich mal voran kommen.

Auf dieser Liste befindet sich nur ein Bruchteil meines SuB. Und zwar handelt es sich dabei um Bücher, die ich oben in meiner Wohnung habe. Die anderen Bücher befinden sich seit meinem Umzug 2014 im Keller und sind erst einmal schwer erreichbar. 2018, wenn ich wieder hier ausziehe, kann ich die Kartons im Keller jedoch mitnehmen und mich dem gesamten SuB widmen.

Die Bücher habe ich den nächsten Monaten zugewiesen. Jedoch ist die Liste nicht starr, sondern kann variiert werden, wenn ich in einem Monat doch mal Lust auf ein anderes Buch habe. 

Januar
Theodor Fontane - Effi Briest
Knut Hamsun - Hunger
Wladimir Kaminer - Russendisko

Im Januar möchte ich mich endlich an den Klassiker Effi Briest wagen. Wahrscheinlich habe ich kommende Woche mein aktuelles Buch ausgelesen, sodass ich dann damit anfangen kann. Ich hoffe, ich werde es genauso mögen wie den Film?
Zur Abwechslung soll daraufhin leichte Kost folgen: Russendisko. Außerdem "Hunger" des Nobelpreisträgers Knut Hamsun. Da "Hunger" recht wenige Seiten hat, hoffe ich, dies noch im Januar zu schaffen.

Februar
Douglas Adams - Per Anhalter durch die Galaxis
Carlos Ruiz Zafon - Der Schatten des Windes
Martin Walser - Mein Jenseits

Da ich den kompletten Februar noch im Praktikum bin, ohne Feiertage oder Ferien und wahrscheinlich viel vorbereiten muss, habe ich für diesen Monat relativ leichte Kost ausgewählt. Walser mag eventuell etwas anspruchsvoller sein, hat aber nicht allzu viele Seiten.

März 
Hermann Hesse - Siddharta
Thomas Mann - Joseph I 

Zwei Wochen Ferien stehen im März an. Die beste Gelegenheit um zwei klassische Autoren zu lesen. Zwei meiner Lieblingsautoren wohlgemerkt. Ein Klassenkamerad stellte kürzlich "Siddharta" in einem Literatur-Wahlpflichtkurs an unserer Schule vor, weshalb ich mir nun vorgenommen habe, es bald zu lesen. Es klang doch wirklich ganz bezaubernd. Hesse eben.

April
George Orwell - Farm der Tiere
Paulo Coelho - Auf dem Jakobsweg
Thomas Mann - Königliche Hoheit

Mein letzter Monat im Praktikum. Vielleicht habe ich, da sich dieses dem Ende neigt, einen relativ freien Kopf, sodass ich einen weiteren "Mann" und zwei zusätzliche Bücher verschlingen kann. Bei Paulo Coelho bin ich mir noch nicht sicher, ob ich es aushalten werde. Der Gute ist mir manchmal doch etwas zu salbungsvoll.

Mai
Andreas Pröve - Mein Traum von Indien
Hermann Hesse - Unterm Rad
Pearl S. Buck - Ostwind Westwind

Und weiter geht's mit einem Nobelpreisträger sowie einer -Trägerin. Im Mai gibt es viele Feiertage, eine freie Woche und somit hoffentlich genug Zeit zum Lesen. Ab Mai fahre ich wieder mit der U-Bahn und kann somit entspannter lesen. (Zum Praktikum fahre ich nämlich mit dem Bus und da lässt es sich nicht so gut lesen)
"Mein Traum von Indien" ist ein autobiografisches Buch eines Mannes, der im Rollstuhl sitzt, sich  aufgrund dessen aber nicht seinen Traum hat nehmen lassen, nach Indien zu reisen. Er berichtet von seiner Reise durch das Land und allen Abenteuern, aber auch Anstrengungen, die er dort im Rollstuhl erlebt. Ich bin schon sehr gespannt.

Juni
T. C. Boyle - Drop City
Robert Lewis Stevenson - Die Schatzinsel
Mark Twain - Die Abenteuer des Huckleberry Finn

Die Juni-Liste ist wohl die flexibelste von allen. Ich weiß noch nicht, ob mir diese Bücher wirklich Spaß bringen werden. Wenn nicht, werde ich sie einfach aussortieren und mir etwas anderes zum Lesen suchen.

Man möge mir die Daumen drücken, dass ich das kommende Jahr fleißig lese! 

Was macht ihr eigentlich, um euren SuB abzubauen? Habt ihr Strategien? Vereinbart ihr Regeln mit euch selbst? :) 

Mittwoch, 4. Januar 2017

[Rezension] Wolfgang Herrndorf - tschick




Normalerweise lese ich eher seltener Jugendromane. Zu diesem Roman bin ich eher zufällig gekommen. Seit fast einem Jahr mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin und es geht das Gerücht um, dass dieser Roman prüfungsrelevant sei und im letzten Semester durchgenommen werde. Gesagt, getan: Ich bestellte mir vorab den Roman bei rebuy und dachte mir: Es kann ja nicht schaden, ihn schon einmal gelesen zu haben. Ich habe es definitiv nicht bereut. Passenderweise habe ich es zu Beginn meiner Sommerferien (2016) gelesen.

Inhalt
"Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz." (Klappentext)

Meine Meinung
Der Roman "tschick" ist ganz typisch wie ein Jugendroman aufgebaut, so wie es im Lehrbuch steht. Der Protagonist (Maik) steht vor persönlichen Problemen und vor jenem, für seine Mitschüler nicht cool genug zu sein. Einerseits stört es ihn, da er in eine Mitschülerin verliebt ist, andererseits ist es ihm auch egal. Mit seinem neu gewonnenen Freund Tschick, der bereits am ersten Tag mit einer Alkoholfahne zur Schule kommt, begibt er sich auf eine Reise, auf der er wächst. Eine Reise, die sein Ego stärkt, da er nicht nur seinen neuen Kumpel, sondern auch sich immer besser kennen lernt. Klassischerweise beschäftigt sich das Buch auch mit den typischen Problemen Jugendlicher, sodass diese sich beim Lesen angesprochen fühlen: Erste Liebe, Sexualität, Probleme im Elternhaus, Probleme in der Schule, Freundschaft, Freiheitsdrang, Grenzerfahrungen und Abenteuer. 
Maik und Tschick wirken auf den ersten Blick etwas merkwürdig. So, wie man sich eben Außenseiter vorstellt. Nur lernt man diese immer besser kennen und sieht somit auch andere Seiten von ihnen, sodass man sich fragt, warum diese beiden coolen Jungs bisher so wenige Freunde hatten.
Ich fand den Roman durchweg unterhaltsam, an einigen Stellen auch berührend. Er hinterlässt viele Messages: Zum Beispiel jene, unvoreingenommen an seine Mitmenschen heran zu gehen und dass Oberflächlichkeit und Coolness am Ende nicht das ist, was zählt, sondern einen Freund zu finden, der dich so annimmt, wie du bist.

Als Schullektüre soll dieser Roman sehr beliebt sein. Er konfrontiert den jugendlichen Leser zwar mit alterstypischen Problemen und bietet mehr oder weniger  Lösungen an. Jedoch ist dieser Roman auch kein literarisches Meisterwerk, welches zur Allgemeinbildung eines jeden Schülers gehören sollte. Vielmehr ist dies ein Werk, was Schüler flott in ihrer Freizeit lesen könnten. Aber wie man ja weiß, lesen immer weniger Jugendliche Bücher, sodass man ihnen im Deutschunterricht wohl ein solches Buch, anstatt eines Klassikers anbieten muss. Was ich sehr schade finde.

Fazit
Ein unterhaltsamer Jugendroman, der sich mit den Problemen von Teenagern beschäftigt und Lust auf Abenteuer macht.

3 Sterne