Mittwoch, 26. Februar 2014

[Rezension] Dara Horn - Vor allen Nächten



"Doch was man als Entfesselungskünstler vor allem beherrschen muss, ist nicht so sehr die Befreiung aus räumlicher, sondern vor allem die Befreiung aus geistiger Enge - das heißt, sich von den Erwartungen anderer zu lösen."

Dieses Buch kam als Mängelexemplar über den Grabbeltisch zu mir. Ich nahm es, vor allem wegen des Covers, in die Hand. Ich fand es schlicht und doch irgendwie schick und stilvoll. Der Klappentext verriet mir, dass es sich um einen historischen Roman handelt, dessen Handlung im amerikanischen Sezessionskrieg spielt. Von der Autorin hatte ich auch noch nie etwas gehört, ich hatte schon fast Angst, dass ich es bei diesem Buch mit einem kitschigen Schundroman zu tun haben werde, doch ich wurde positiv überrascht. 

In diesem Roman geht es vor allem um den jungen Jacob Rappaport, Sohn jüdisch-deutscher Einwanderer, der sich 1861 freiwillig meldet, um für die Nordstaaten in den Bürgerkrieg zu ziehen. Dabei wird er Teil des Kriegsgeschehens, von Intrigen, Spionage, Verrat, vom Kampf gegen die Sklaverei und trifft mittendrin auf vier junge Schwestern, die sein Leben komplett verändern.

Zur Handlung würde ich an dieser Stelle nicht unbedingt mehr verraten wollen, um nichts vorweg zu nehmen. 

Der Schreibstil der Autorin ist sehr flüssig und angenehm zu lesen. Sie schweift nicht aus, schreibt keine ellenlangen Sätze und bedient sich einer teilweise gehobeneren, aber nicht fordernden Sprache. Auch ist das Vokabular passend zur Zeit gewählt und die Charaktere sagen Dinge, die zu ihnen passen.
Für mich vereint der Roman mehrere Dinge, die ich interessant finde: Das 19. Jahrhundert, die jüdische Kultur und den amerikanischen Bürgerkrieg. Vor allem, da Dara Horn auch reale Personen mit eingebaut hat, merkt man, dass sie auf dem Themengebiet "Amerikanischer Bürgerkrieg" sehr bewandert ist und gut recherchiert hat. Alles hat zueinander gepasst und war authentisch. Das Jüdische spielt in dem Roman eine große Rolle. Die Versklavung, die Verfolgung, die Feiertage, die Bräuche, die Stellung in der amerikanischen Gesellschaft - alles wird angerissen und Hinweise werden dazu eingestreut. Man erfährt einiges, was man nicht unbedingt weiß und stößt aber schnell auf einen moralischen Widerspruch: Können sich Juden von schwarzen Sklaven bedienen lassen und gleichzeitig den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei feiern?
Doch nicht nur hier werden moralische Fragen gestellt. Jacob landet ständig in Situationen, in denen er sich entscheiden muss, ob eine bestimmte Handlung moralisch gut oder nicht gut ist, ob er nein sagen kann oder nicht, ob er ausnahmslos seinem Land dienen muss, oder nicht. Als Leser weiß man manchmal selber nicht, ob seine Entscheidungen denn nun richtig oder falsch waren, was er eigentlich will und was er nicht will.
Auch ist die Geschichte manchmal etwas verwirrend, wenn man nicht allzu sehr mit dem amerikanischen Bürgerkrieg vertraut ist. Beim Lesen kam ich manchmal etwas durcheinander und wusste gar nicht, auf welcher Seite er und die anderen nun sind.
Aber auch Jacob war ein relativ kühler Protagonist. Ich hatte oft das Gefühl, dass er zu vielen Dingen keine Meinung hat, keine richtigen Emotionen, dass er keinen Schmerz empfindet, keine Trauer und keine Freude. Natürlich wurden seine Gedanken beschrieben, aber teilweise hat Dara Horn es nicht geschafft, dass ich seine Gefühle richtig mit erlebe.
Die moralischen Konflikte, die in dem Roman auftreten, scheinen auch spurlos an ihm vorbei zu ziehen. "Jacob, was denkst du über deine Entscheidung? Über dein Handeln? Was denkst du über Sklaverei und wo siehst du dich als Juden in der amerikanischen Gesellschaft?" hätte ich ihn gerne gefragt, wenn ich könnte, denn Jacob befand sich zwar in Situationen, die man als Leser so und so bewerten kann, jedoch bezog er oftmals keine richtige Stellung dazu. Deshalb wirkte Jacob auf mich nicht wie ein Protagonist mit Tiefgang.
Vielleicht war das aber auch Absicht. Vielleicht wollte Dara Horn den Leser zum Denken anregen, dass wir uns die Fragen über die Moralität gewisser Situationen stellen und für uns eine Antwort finden, ohne, dass Jacob uns die vorweg nimmt.
Trotzdem kann ich diesen Roman wärmstens empfehlen. Ich vermute, dass Geschichten wie diese auf dem deutschen Markt kaum zu finden sind und dieser Roman somit einen Glücksgriff darstellt. Ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt und fand jede Seite lesenswert und spannend.

Mein Fazit: Eine schöne Mischung aus Spionage, Historie, Krieg und Liebe, die bis zur letzten Seite fesselt!

4 Sterne! 


Montag, 24. Februar 2014

Tsundoku. Über eine Krankheit.

Mein Körper schüttet Glückshormone aus, wenn ich mir Bücher kaufe und mit nach Hause bringe, oder wenn ich bestellte Bücher auspacke. Jeden Monat kommt mindestens eines dazu. Entweder gebraucht von Amazon und co., gebraucht und aussortiert aus der Bibliothek oder auch mal neu aus der Buchhandlung (doch das kommt bei mir Schnäppchenjägerin eher selten vor).
Alsbald landen fast alle dieser neuen Bücher auf einem Stapel. Dem Stapel ungelesener Bücher. Viele verweilen dort Wochen, Monate, ja sogar Jahre. Der Stapel wächst und trotzdem kann ich es nicht lassen, hier und da neue Bücher mitzunehmen oder Bücher, die auf meiner Wunschliste stehen, zu bestellen.
Durch die Bloggerei habe ich erfahren, dass dieses Phänomen auch bei anderen Bibliophilen auftritt. Auf fast jedem Blog findet man eine "SuB"-Sparte, in der die Bücher aufgelistet sind, die der jeweilige Blogger noch zu lesen hat. Meist in einem zweistelligen Bereich.

Als ich heute die facebook-Neuigkeiten checkte, sah ich einen Post von Lovelybooks:


Unsere Krankheit, die eine Mischung aus Kaufsucht, Sammelleidenschaft und Prokrastination ist, hat also einen japanischen Namen: Tsundoku. 

Doch warum ist das so? Warum tendieren Bibliophile dazu, an Tsundoku zu erkranken? Wie entsteht "Tsundoku" überhaupt?

Bei mir ist es so, dass ich Phasen habe, in denen mich bestimmte Bücher interessieren. Zum Beispiel ein bestimmtes Genre. Bei Amazon suche ich mir dann bestimmte Bücher, die mich interessieren, heraus und setze sie auf meine Wunschliste, damit ich diese Bücher nicht vergesse. Irgendwann kaufe ich mir eins davon oder zwei und sie landen zu Hause auf meinem "Stapel ungelesener Bücher". Und warum landen sie dort? Meistens, weil mich dann doch plötzlich ein anderes Genre oder Buch interessiert. So habe ich nämlich schon wieder etwas über ein anderes Buch gelesen, das mir gefallen könnte und es steht schon auf der Wunschliste oder ist auf dem Weg zu mir. Ich denke, das ist mein größtes Problem. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist für ein Genre oder Buch zu kurz, sodass ich das Buch, welches ich mir gekauft habe, schon wieder weglegen muss, da in der Zeit ein anderes interessanter geworden ist. 
Manchmal fehlt mir für einige Bücher auch einfach die Geduld, oder die Laune. Obwohl ich weiß, dass ich dieses Buch irgendwann lesen will. Irgendwann. 
Es gibt Bücher, die sprachlich ziemlich anspruchsvoll sind, weshalb man sich manchmal so richtig auf ein solches Buch einlassen muss. Dabei fehlt mir oftmals die Geduld. Es gibt Bücher, die unglaublich viele Seiten haben und somit relativ viel Zeit in Anspruch nehmen, auch das ist ein Grund, warum ein dickes Buch eher mal auf meinem SuB landet. Ich habe Angst davor, mich von einer langen Geschichte "angekettet" zu fühlen, habe Angst, dass sie mich zu lange "in Beschlag nimmt", da das Leben auf dieser Welt kurz ist und ich noch möglichst viele (andere) Bücher lesen will.
Obwohl ich gerne lese, bin ich keine Schnellleserin. Ich lese meistens abends im Bett und dort schlafe ich schnell ein. Wenn ich ein Buch von 600-1000 Seiten lesen würde, würde ich bestimmt 2 Monate oder länger damit verbringen und das wäre mir irgendwie zu viel. Spätestens nach 3 Wochen müsste dann schon was neues her.
Manchmal kaufe ich mir auch Bücher, weil ich denke, dass ich mir sie kaufen MUSS (vor allem wenn sie im Angebot sind). Eine Stimme in mir sagt dann Dinge wie "Kauf dir das Buch, von dem Autor hast du doch schon mal was gehört!", oder "Das Buch hast du doch auf deiner Wunschliste, dann kannst du es ja jetzt auch mitnehmen." Eigentlich interessieren mich diese Bücher aber dann nicht zu 100% zu diesem Zeitpunkt und sind somit ein Kauf für den SuB.

Doch was kann man tun? Diverse Buch-BloggerInnen rufen Challenges ins Leben, die einem dabei helfen sollen, den SuB abzubauen. Ich muss ehrlich sagen, dass so eine Challenge nichts für mich wäre. Ich glaube, dass man für eine solche Challenge Disziplin braucht. Man muss eines seiner Bücher lesen, auf das (oder auf die) man eventuell grad gar keine Lust hat. Man muss sich zwingen, dieses oder jenes Buch zu lesen, obwohl man irgendwo im Internet oder der Buchhandlung ein neues gesehen, in das man sich verliebt hat.
Etwas zu lesen, weil ich es lesen MUSS, hat mir noch nie wirklich Spaß gemacht. 
Ich habe vor kurzem mal meinen SuB aufgelistet, um wenigstens einen Überblick über das zu haben, was ich noch vor mir habe. Ich hoffe, dass das ein Schritt in die richtige Richtung ist. Bei einigen Büchern habe ich jedoch das Gefühl, dass ich sie nie lesen werde und vielleicht sollte ich  dann lieber Platz schaffen und sie verkaufen, sodass sie dann bei jemand anderen auf dem SuB landen, der ebenfalls ein Tsundoku-Patient ist. ;)


Donnerstag, 20. Februar 2014

Bücher aus dem Bücherbus Hamburg

In Hamburg gibt es in einigen Buslinien Bücherregale. So zum Beispiel auch in dem Bus, der direkt vor meiner Haustür hält. In diesen Bücherregalen findet man einige Bücher, die man lesen, ausleihen oder behalten kann. Aber auch ausgelesene Bücher kann man hier abstellen, sodass sie ein anderer mitnehmen und lesen kann. Ich habe schon des öfteren Bücher mitgenommen und würde auch gerne mal ältere Bücher dort loswerden, leider ist es aber Glückssache, einen Bus mit Bücherregal zu erwischen. 
Vor ein paar Tagen hatte ich wieder das Glück und nahm gleich zwei Romane mit (Liebe Grüße an dieser Stelle von unserem Hund)




"Bewohnte Frau" von Gioconda Belli und "Springquelle" von Kerstin Ekman, zwei Frauenromane, deren Klappentexte mich angesprochen haben. Generell bin ich erstmal von Romanen der Verlage "btb" und "dtv" nicht abgeneigt.

Der Text zu "Bewohnte Frau": "Lavinia, eine junge, aus wohlhabender Familie stammende Architektin, führt in ihrer lateinamerikanischen Heimat ein unbeschwertes und sorgenfreies Leben - bis sie sich in Felipe verliebt, der in der Untergrundbewegung des Landes gegen Terror und Unterdrückung kämpft ..."

Der Text zu "Springquelle": "Mühsam hält sich Tora, ein ehemaliges Dienstmädchen, mit dem Verkauf von Brot und selbstgemachten Bonbons über Wasser. Eines Tages möchte sie ihr eigenes Café eröffnen, und schon bald scheint die lang ersehnte Unabhängigkeit zum Greifen nah. Doch die Krisenzeiten des Ersten Weltkriegs machen auch vor Schweden nicht Halt ... "

Wie man auf dem Bild sehen kann, befinden sich auf den Büchern zwei große, unkaputtbare Aufkleber mit der Aufschrift "Stilbruch". Viele Bücher, die in den Bussen angeboten werden, sind vom Second Hand-Kaufhaus "Stilbruch" gesponsert worden.

An sich eine tolle Idee. Aber: Wenn der Bus voll ist, kommt man an dieses Regal einfach nicht heran. Es wurde vollkommen falsch platziert, da ein Vierer-Sitzplatz davor ist. Man hat nur die Möglichkeit darin zu stöbern, wenn der Bus leer ist und niemand auf den Plätzen sitzt, die sich direkt vor dem Regal befinden. So muss man also 1. Glück haben, überhaupt einen Bus mit Bücherregal zu erwischen und 2. Glück haben, dieses dann noch erreichen zu können.